Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.09.09, Antje Borchers

Geht wählen

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich zu Wort gemeldet: „Geht wählen!“, sagt sie. „Nutzt euer Stimmrecht!“ –

Muss das sein, dass die Kirche sich nun auch noch politisch äußert!?!

Ja, das muss sein. Denn die Kirche, genau genommen die Parlamentarier der Kirche haben den Eindruck: Es läuft ’was schief in Deutschland. Und zwar: Im so genannten Superwahljahr 2009 sind viele Wahlberechtigte einfach nicht wählen gegangen. Bei der Landtagswahl in Hessen – Anfang des Jahres – blieben 40 Prozent zuhause, bei der Europawahl im Juni waren es sogar rund 57 Prozent. Bei den Kommunalwahlen in NRW 48 Prozent. Die Partei der Nichtwähler vereinigt somit rund die Hälfte aller Wahlberechtigten.

Warum wollen so viele nicht zur Wahl gehen? Eine Antwort: „Was soll man denn wählen? Ich will nicht bestätigen, was „die da oben“ machen. Also wähle ich gar nicht.“ Schützenhilfe für diesen Protest bietet der Spiegeljournalist Gabor Steingart. In seinem frisch erschienenen Buch „Die gestohlene Demokratie“ ruft er erneut zum Nichtwählen auf. –

Und genau da geht’s schief. Was aussieht wie Protest gegen „die da oben“, ist das genaue Gegenteil, denn: Wer nicht wählt, wählt auch. Er unterstützt das, was wenige gewählt haben: Beteiligt sich beispielsweise nur noch die Hälfte der Wahlberechtigten und gewinnt dann eine Parteienkoalition mit 50 Prozent der Stimmen die Mehrheit, so bestimmen letztlich nur noch 25 Prozent der Bürgerinnen den Kurs der Gesellschaft. – Und die Nichtwähler stimmen schweigend zu.

„Die da oben“ regieren in jedem Fall, auch, wenn ich nicht hingehe zur Wahl. Aber „da oben“ sitzen dann womöglich plötzlich Leute, die ich gar nicht haben will. Zum Beispiel die extremen Parteien. Eine geringe Wahlbeteiligung kommt gerade solchen Parteien zu Gute. Denn die Extremen gehen in jedem Fall wählen. Und je weniger Bürger insgesamt wählen gehen, umso größer ist das Gewicht der einzelnen Stimme und umso mehr steigt die Wahrscheinlichkeit, dass extremistische Parteien die Fünfprozenthürde überwinden, auch wenn sie – absolut gesehen – wenig Wähler haben. Aber im Verhältnis zu allen abgegebenen Stimmen sind es eben genug.

Und gerade dagegen meldet sich die Evangelische Kirche in Deutschland zu Wort. Sie sagt: „Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus widersprechen der biblischen Botschaft von Gott dem Schöpfer aller Menschen, sie stehen im Widerspruch zum Versöhnungshandeln Jesu Christi und sie missachten die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens.“

Unsere Aufgabe also, Ihre und meine Aufgabe lautet: Wählen gehen, Demokratie stärken, menschliche Bürgergesellschaft gestalten. Sie ist es wert. Wir sind es wert.

Audiobeitrag Geht wählen


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