Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.09.09, Pfarrerin Kerstin Hanke

Eine Kultur der Demut?

Zupackend, klug und sozial geben sich zurzeit die Politiker auf den Wahlplakaten. Öffentlich zur Schau gestellter Mut scheint in Zeiten der globalen Krisen

wohl besonders wichtig für das politische Image zu sein. 

Im politischen Raum völlig vergessen schien lange Zeit dagegen das Wort Demut. Demut ist eine wichtige christliche Tugend, die leider zumeist völlig missverstanden wird. Die meisten verbinden damit nur noch Untertanengeist und Duckmäusertum... In den letzten Monaten wurde erstaunlicherweise aber immer öfter der Ruf nach Demut laut. Angesichts der Gier von Bankern oder politischem Fehlverhalten wird sogar eine Kultur der Demut eingefordert. Das klingt erst einmal wohlig nach einer neuer Bescheidenheit, nach Augenmaß und sozialem Verantwortungsgefühl in der Gesellschaft. Zieht man das rhetorische Geklimper dieser Reden ab, bleibt davon am Ende aber eigentlich nur eines übrig: Demütig zu sein, das hat immer der andere. Am besten der politische Gegner. Öffentliche geforderte Demut hat daher oft nur einen Zweck: von den eigenen Fehlern und Mängel abzulenken. Und die Tugend Demut bekommt keineswegs einen Ehrenplatz, sondern soll nur sozialer Kitt einer aus dem Lot geratenen Gesellschaft sein. Ein Blick in die Bibel entlarvt den grundlegenden Bezugsfehler einer falsch verstandenen Demut. Hier zeigt sich schnell: Nur Gott, kein Mensch, kann Demut beanspruchen.

Demut ist geschenkter Mut zum Leben, den ich nicht aus mir selbst schöpfen kann. Er resultiert nicht aus meiner Lebensfreude, aus meiner Vitalität, nicht aus meiner Tüchtigkeit, aus meiner Gesundheit, aus meiner Klugheit. Das merke ich spätestens dann, wenn dies alles einmal wegbricht, was ich für so selbstverständlich verfügbar halte. Wenn ich traurig, gebrochen, krank, untüchtig, entmutigt bin? Woher nehme ich dann den Mut zum Leben?

Gott schenkt uns diesen Mut und der setzt genau an der Stelle an, wo Leid, Klage und Trauer beginnen und die Sonntagsreden und die Sonntagspredigten verstummen. Wer an einem Tiefpunkt des Lebens angelangt ist, der braucht den Mut, Widerstand zu leisten gegen alles, was Leben zerstören will. Anders gesagt heißt das dann: Unterwirf dich nicht den Gesetzen des Marktes, die dich nach ihrer Verwertbarkeit oder deinem Konsumvermögen belohnen.  Lass dich nicht demütigen von Menschen in deinem Selbstwertgefühl. Dieser Mut zum Leben  resultiert daraus, dass ich mich Gott nähere und er mir nah ist.

Demut ist daher weniger  sanftes und mildes Dulden, wie es manche religiösen Texte verklärend meinen. Demut bedeutet auch lautstarkes Protestieren gegen Unrecht. Sie bewirkt beharrliches Nachfragen, wo Dinge verschleiert werden sollen.. Demut ist anstrengend, denn sie verlangt mir eine sehr aktive und widerständige Haltung ab.  Und deshalb ist nicht nur in Wahlkampfzeit das Gebet um Gelassenheit und Weitsicht nötig:

Gelassenheitsgebet
Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen,
die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern,
die sich ändern lassen
und die Weisheit,
das eine vom andern zu unterscheiden.

Audiobeitrag Eine Kultur der Demut?


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