Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.09.09, Pfarrerin Kerstin Hanke

Auszeit der Seele

Anne hat eine Woche in der Toscana Obertonsingen geübt. Bernd in einem französischen Kloster stundenlang geschwiegen.

Karin hat vierzehn Tage lang Yoga und Meditation hinter sich. Spirituelle Erfahrung - eine ganze Reisebranche hat sich mittlerweile darauf spezialisiert. Was mich allerdings dabei beunruhigt, ist die Tatsache, dass Spiritualität zu einer Art „Erste Hilfe Kasten“ für gestresste Mitmenschen verkommt. Wenn man ausgebrannt und überlastet ist, gönnt man sich eine Wellnesskur für die Seele; findet man sich in das Regelmaß der Übungen und Wiederholungen, übt sich in Versenkung und der Kontrolle des Atmens. Doch hier in dem atemlosen Alltag verblassen schnell wieder die Gelassenheit und Heiterkeit wie die Sommerbräune.

Dabei gehören die regelmäßigen Auszeiten der Seele zu den wichtigsten Elementen eines christlichen Lebens. Aber anscheinend ist die Quelle zu unseren Übungen verschüttet, sprudelt nicht mehr ansteckend lebendig genug. Zurück zu den Ursprüngen. Dafür muss ich keine weiten Reisen unternehmen. Es fängt ganz schlicht in jedem Alltag an. Und dafür gibt es eine kleine Geschichte*:

Einem Kioskbesitzer fiel ein Fahrrad auf, das immer mittags gegenüber am Kirchentor lehnte. Der Besitzer war ein junger Mann. Punkt 12 Uhr betrat er die Kirche und verließ sie kurz darauf wieder. Das ging über Wochen so.

An einem heißen Tag kaufte der junge Mann bei dem Kiosk eine Flasche Wasser. „Sie sind neu hier im Viertel?“ fragte ihn der Kioskbesitzer. „Ja!“ „Ist mir schon aufgefallen. Haben Sie was mit der Kirche zu tun? Ich sehe Ihr Fahrrad da jeden Tag, was machen Sie da eigentlich?“ Der junge Mann antwortete: „Ich gehe hinein, um zu beten.“ Der Kioskbesitzer war verwundert: „Sie sind doch höchstens  eine Minute da drin. Reicht das denn um wirklich beten zu können?“

Der junge Mann lächelte: „Ich kann kein langes Gebet sprechen, aber ich komme jeden Tag um zwölf und sage: `Jesus, hier ist Johannes`. Dann warte ich eine Minute und er hört mich.“

Einige Zeit später stand das Fahrrad nicht mehr am Kirchentor. Johannes lag im Krankenhaus. Die Ärztinnen und das Pflegepersonal stellten bald fest, dass er auf die anderen Patienten einen heilsamen Einfluss hatte. Die Nörgler nörgelten weniger und die Traurigen konnten auch mal lachen. „Johannes“, sagte die Stationsschwester irgendwann, „die andern sagen, das liegt an Ihnen. Immer sind Sie gelassen, fast heiter.“ „Schwester, dafür kann ich nichts“, sagte Johannes, „Das kommt durch meinen Besucher.“ Doch niemand hatte bei ihm je Besuch gesehen. Er hatte keine Verwandten in der Stadt und anscheinend noch keine Freunde. „Ihr Besucher“, fragte die Schwester, „wann kommt er denn?“ „Jeden Mittag um zwölf. Er tritt ein, steht an meinem Bett und sagt: `Johannes, hier ist Jesus.`“

Eine bescheidene  Übung. „Ich kann kein langes Gebet sprechen.„Aber ich komme jeden Tag um zwölf“ – das ist es, was Johannes verlässlich tun kann. Jeden Tag. Egal, ob der angefüllt ist mit Terminen und Verpflichtungen. „Dann warte ich eine Minute“, da ist der Raum für den Geist, keine bezwingenden Worte, einfach warten, Raum und Zeit lassen; nicht alles mit eigenen Worten, Gedanken, Wünschen besetzen, sondern leer werden – und nach der regelmäßigen Übung genügt schon eine Minute: „und er hört mich“.

Sechzig Sekunden am Tag können die Quelle der Spiritualität  wieder sprudeln lassen.


Vorlage der Geschichte:
Margret Nußbaum: Jesus, hier bin ich! Eine Geschichte vom alten Johannes
Veröffentlich unter:
http://www.katholisch.de/25088.html

Audiobeitrag Auszeit der Seele


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