Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.09.09, Mark Christian Pollmeier

Selber schuld!

Autsch! Das tat weh. Gerade habe ich versucht, mit zwei Fingern mal schnell einen Kerzendocht auszudrücken. Das hat auch geklappt: die Kerze qualmt nicht mehr.

Aber an meinem Zeigefinger bildet sich jetzt eine Brandblase.

Selber schuld!, sagt meine Freundin kopfschüttelnd. Auf ihr Mitleid brauche ich jetzt wohl nicht zu hoffen. Denn „Selber schuld“, das heißt übersetzt: Es geschieht dir ganz recht! Also jammer’ nicht rum.

Kann ja sein, dass ich mir meine Brandblase selber eingebrockt habe. Trotzdem ärgere ich mich über diesen Spruch. Denn mein Finger schmerzt nun mal – ob ich selber Schuld bin oder nicht.

Dabei geht es bei mir nur um eine Kleinigkeit. Was aber ist mit Menschen, die wirklich Schlimmes anrichten? Die zu schnell mit dem Auto unterwegs sind und einen Unfall verursachen? Die ihre gesamten Ersparnisse verlieren, weil sie sich an der Börse verspekuliert haben?

Auch über die heißt es dann meistens: Haben sie sich ja selbst eingebrockt. Sollen sie auch sehen, wie sie damit klar kommen!

Wir neigen dazu, unser Mitleid und unsere Hilfsbereitschaft von der Schuldfrage abhängig zu machen. Jesus hat da offenbar anders funktioniert. Seine Hilfsbereitschaft war nicht an Bedingungen geknüpft. Wenn er jemandem half, dann spielte es keine Rolle, ob derjenige an seiner Notlage selbst Schuld war.

Das scheint mir überhaupt die richtige Reihenfolge zu sein. Erst einmal helfen – und danach die Schuldfrage klären.

Sprecherin: Christiane Birgden

Audiobeitrag Selber schuld!


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