Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.09.09, Mark Christian Pollmeier

Kein Bildnis machen

Wenn zwei Menschen sich treffen, entscheiden sie in wenigen Sekunden, was sie voneinander halten. Welche Klamotten trägt mein Gegenüber? Wie ist die Körperhaltung, der Gang?

Gefällt mir die Stimme? Wie war der erste Händedruck?

Nur ein paar Augenblicke brauchen wir, bis diese Faktoren gecheckt sind. Dann steht meistens schon fest, wie wir die neue Bekanntschaft einschätzen: interessant oder langweilig, spießig oder hip. Fachleute behaupten, dass der erste Eindruck sogar zu 90 Prozent von Äußerlichkeiten abhängt.

Kein schöner Gedanke: Noch während ich mich vorstelle, werde ich von meinem Gesprächspartner in eine Schublade gepackt. Und wenn ich vielleicht grade einen schlechten Tag habe oder einen Pickel auf der Nase – tja, Pech gehabt.

Vermutlich mache ich das ganz genau so, wenn ich jemandem begegne. Dabei kenne ich selbst genug Beispiele, wo der erste Eindruck eben nicht richtig war. Wo jemand, den ich erst ziemlich blöd fand, sich später als nett und sympathisch herausgestellt hat. Warum auch nicht? Menschen verändern sich ja schließlich, sie entwickeln sich weiter. Da wäre es doch schade, jemanden gleich nach dem ersten Treffen abzuhaken.

„Du sollst dir kein Bildnis machen“, heißt es in den Zehn Geboten. Eigentlich ist da Gott gemeint – auch den soll man nicht in eine bestimmte Schublade stecken. Sondern ihn immer wieder neu entdecken, neu kennen lernen. Aber wenn ich so drüber nachdenke, passt dieses Gebot auch auf Menschen ganz gut: „Du sollst dir kein Bildnis machen“ – jedenfalls nicht beim ersten Mal.

Sprecherin: Christiane Birgden

Audiobeitrag Kein Bildnis machen


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen