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Genfer Spaziergang
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, mein Name ist Christiane Nolting und ich bin Superintendentin und Pfarrerin in Bad Salzuflen-Lockhausen.
Kommen Sie heute mit mir nach Genf, in die heimliche Hauptstadt der Schweiz? Die Metropole der internationalen Organisationen! Zentrum von Geld und Macht! Aber Genf hat noch viel mehr zu bieten. Ich stehe an der eleganten Promenade, hinter mir das Wahrzeichen der Stadt. Der Jet d'eau, die riesige Wasserfontäne im Genfer See. Es ist noch morgentlich kühl, aber es haben sich schon einige frühe Touristen mit mir eingefunden. Ich schlendere an den exklusiven Läden und teuren Hotels entlang hoch in die Altstadt. Vorbei an der deutschsprachigen Lutherischen Kirche hinüber zur Kathedrale St. Pierre. Reformiert schlicht.
Hier hat der prominenteste Bürger in der Geschichte der Stadt, Johannes Calvin, gelehrt und gepredigt. Hier wurde am 10. Juli sein 500. Geburtstag feierlich begangen. Hier kann man auch noch seinen Stuhl bewundern - ein eher unbequemes Sitzmöbel. Aber ich halte mich hier auch nicht lange auf. An den herrschaftlichen Bürgerhäusern vorbei hin zu einem kleinen Plateau am Rande der Altstadt, vor mir erstreckt sich ein kleiner Park. Ein paar Treppen hinunter und ich stehe ganz unvermittelt vor einem monumentalen Mauerrelief. Oft sind Koreaner und amerikanische Touristen hier, meistens sind es Presbyterianer.
Sie stehen hier sozusagen vor ihren geistlichen Vätern, denn aus dieser sog. Reformationsmauer tritt eine Gruppe überlebensgroßer Männer hervor. Nur Männer natürlich. Darunter sind Farel, Zwingli und Luther aber eben auch Johannes Calvin. Streng mit einem Buch unter dem Arm schaut er auf mich herab. Sehr ernst, sehr streng. Was war das für ein Mensch, hat er gelacht, geliebt, hatte er Humor oder ging er zum Lachen in den Keller, wie man den Calvinisten, seinen Anhängern, gerne vorwirft?
Musik
Autorin: Kann ich heute etwas mit diesem Mann anfangen, der vor 500 Jahren geboren wurde? Es soll ja so etwas wie die Erotik der Macht geben. Strahlt Calvin diese Erotik bei all seiner Strenge aus? Ich glaube eher nicht. Auch seine Frau Idelette wird das wohl nicht so erlebt haben. Sie war noch jung verwitwet als er sie in Straßburg heiratete. Ihr gemeinsames Kind starb kurz nach der Geburt und sie selbst nach neunjähriger Ehe. Danach lebte Calvin allein, und es sind auch keine weiteren Frauengeschichten bekannt. Es hätte auch nicht zu ihm gepasst.
Auch wenn er sehr unter dem Tode seiner Frau gelitten hat, galt seine große und erste Liebe dem Evangelium und der Kirche. Einer Kirche, die er nach biblischem Vorbild aufbauen wollte und deshalb von allem befreien, was an Zeitgeist in der bis dahin existierenden katholischen Kirche von Menschenhand hinzu gefügt worden war. Wie Luther hing er dem Prinzip an: solus Christus, sola scriptura, sola gratia. Allein Christus, allein die heilige Schrift, allein die Gnade. Nein, daneben gab es keine Zeit und keinen Raum mehr für anderes. Das besetzte sein ganzes Denken und seine Gefühle.
Musik
Autorin: Nein, nicht dass er gefühllos gewesen wäre. Er ist als guter Seelsorger bekannt geworden. In Genf musste er immer wieder Ehestreitigkeiten schlichten. Scheinbar gab es die schon immer, das ist keine Erscheinung der Neuzeit. Calvin wollte mit dem, was er lehrte, in erster Linie trösten und ermahnen in dieser Reihenfolge. Mit ihm waren viele Menschen in der Situation, dass sie ihre Heimat verloren hatten, auch ihre geistliche Heimat. Calvin wollte ihnen etwas anbieten, was ihnen wieder inneren und äußeren Halt bot: Sicherheit im Glauben und - was sehr wichtig war für ihre Seele und ihr Seelenheil, und ein Geländer für ihr Leben in einer unübersichtlichen Welt. Die Lehre von der Gnadenwahl und die Gedanken zur Kirchenzucht sind daher zwei Säulen seiner Theologie. Die Lehre von der Gnadenwahl besagt, dass wir von Gott erwählt, Kinder Gottes sind, erwählt zu seinem Reich. Mit der Kirchenzucht will Calvin die so erwählten Menschen zu einem gottgefälligen 'ordentlichen' Leben anhalten. Beides Gedanken, die heute als eher enggeführt und weltfremd kritisiert werden, aber in ihrem Kern hilfreich gedacht waren. Es tröstet mich nämlich, wenn ich höre:
Sprecher: Am Leben Jesu wird deutlich, wie Gott gewählt hat. Er wählte in Christus für sich den Tod, für uns das Leben. Das war seine gnädige Wahl. Die Lehre von der Gnadenwahl wurde geboren aus dem Staunen über das Wunder des göttlichen Erbarmens. Denn Gott hätte das nicht nötig gehabt. Er wäre uns zu nichts verpflichtet gewesen. Er hätte uns unserem selbst gewählten Schicksal überlassen können. Kein Mensch hat einen Anspruch auf Gottes Erbarmen. Von Gott wissen wir, an ihn glauben zu können ist ein unverdientes Geschenk. Wer die biblische Botschaft gehört und verstanden hat, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Und der weiß: das alles habe ich nicht mir selbst zu verdanken. Dass Gott sich für uns entschieden hat, dass wir davon in der biblischen Botschaft hören und das wir diese Botschaft glauben können, ist unverdiente Gnade. Es ist Gottes gnädige Wahl.
Autorin: Das tut mir gut, das kann, das muss ich hören, um so getröstet in dieser Welt zu leben. Zugegeben, das mit der Kirchenzucht ist in der Folge sicher so manches Mal übertrieben worden, Menschen sind bespitzelt und angeschwärzt worden, damit hat man Menschen wieder gefügig zu machen versucht. Aber der Grundgedanke ist doch nicht ganz falsch: wenn ich begriffen habe, dass Gott mich gnädig erwählt hat, dann kann ich doch nicht so weiterleben wie bisher, dann muss sich doch etwas ändern in meinem Leben.
Ob das dann so aussehen muss, dass ich nicht Kartenspielen darf, nicht tanzen soll und mich auch nicht schick anziehen darf das kann ich nicht so ganz glauben, wie gesagt, das waren sicher Aussagen, die in der Zeit damals zu verstehen sind. Heute sind das keine Themen mehr, aber das widerspricht doch nicht der Wahrheit, dass Gott auch einen Anspruch auf unser ganzes Leben hat.
Musik
Autorin: 425 Jahre nach Calvins Geburt hat das eine bekannten Schrift noch einmal neu ausgedrückt. Z.Zt. des beginnenden Nationalsozialismus wurde in der sog. 'Barmer Theologischen Erklärung' 1934 noch einmal versucht, mit diesen Gedanken Orientierung in Zeiten der Bedrohung zu geben: Gottes gnädiger Zuspruch hat seinen Anspruch auf unser ganzes Leben zur Folge. Es heißt dort:
Sprecher: Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen.
Autorin: Das klingt etwas verschraubt, aber besagt nur das Eine: keine Ideologie, kein politisches System, keine Macht der Welt darf Anspruch auf unser Leben erheben diesen Anspruch hat nur Gott, denn er allein hat uns zuvor auch von allem frei gesprochen.
Musik
Autorin: Zurück zu Calvin. Ich stehe noch einmal vor der Reformationsmauer in Genf, vor den gestrengen Männern in ihren langen Gelehrtenmänteln. Wie sie so dastehen erinnern sie mich an die drei amerikanischen Präsidenten aus Fels. Ob diese amerikanischen Präsidenten wussten, dass hier in Genf ihre politischen Vorbilder stehen? Sicher wussten sie, dass viele ihrer Vorfahren selbst Flüchtlinge waren. Geflohen aus dem selben Grund wie Calvin damals aus Frankreich: sie wurden ihres Glaubens wegen verfolgt. Calvinisten, Reformierte, Hugenotten, Presbyterianer, Puritaner... wir kennen das noch aus dem Geschichtsunterricht. Sie flohen aus Europa, um ihren Glauben im neu entdeckten Amerika zu leben. Und sie brachten einen Grundgedanken mit, den Calvin und seine Theologie ihnen eingepflanzt hatte: das Bekenntnis zur Demokratie, zur Menschenwürde und zur Freiheit. Es gibt heute Menschen, die davon überzeugt sind, dass ohne die Reformation eines Johannes Calvin Demokratie so nicht möglich wäre, wie sie es in vielen Ländern der Welt heute ist. Aber eben in vielen anderen auch nicht!!!
Aber die Demokratie brachte noch eine andere moderne Erscheinungsweise hervor: den Kapitalismus. Diese These, dass der Kapitalismus auf den Calvinismus zurück geht, hat der Soziologe Max Weber im vorigen Jahrhundert verbreitet und ist damit auf breite Zustimmung gestoßen.
Sicher ist, dass Calvin der Überzeugung war, dass der persönliche Gewinn, den ich aus einem Geschäft ziehe, nicht mein privater Besitz ist. Er ist und bleibt Gabe Gottes und ist nicht mein Verdienst. Und deshalb verpflichtet er mich auch. Er verpflichtet mich, mein Kapital wieder nutz- und gewinnbringend anzuwenden. Aber dazu gehört selbstredend auch die Fürsorge für Kranke und Arme in der Gesellschaft, dazu gehört auch, Bildung allen zugänglich zu machen, die Natur zu schützen, statt sie auszubeuten. Eigentum verpflichtet. Eigentum ist nicht dazu da, meine Kinder in einem Geländewagen von meiner Villa zum Tennis zu kutschieren und die Ferien auf meinem Domizil auf den Kanaren zu verbringen. Da sei Calvin vor. Also: Gewinnmaximierung ja, aber zum Wohle aller, denn Gewinn ist gnädiges Geschenk Gottes. Begnadete Menschen aber sind sich dieser Gnade bewusst und deshalb dankbare und bescheidene Menschen.
Musik
Autorin: Am Ende noch einmal die Frage vom Anfang: was kann ich mit so einem Mann anfangen, ich, eine Frau des 21. Jahrhunderts, die gerne und fröhlich lebt, aber auch ihren Glauben mit dem gleichen Ernst leben möchte? Ich glaube dies: dass ich kritisch bin und wachsam. Dass ich nicht das Offensichtliche gleich für wahr ansehe, dass ich hinterfrage, und dass es keinen Bereich des gesellschaftlichen Lebens gibt, in den ich mich nicht einmischen darf und ggf. muss.
POST TENEBRAS LUX nach der Finsternis das Licht - steht in großen Lettern auf der Reformationsmauer in Genf. Es ist allerhöchste Zeit dafür.
Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag, Ihre Christiane Nolting aus der Ev-ref. Kirche in Lippe.
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