Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.09.09, Pfarrer Jens Burgschweiger

Sülze

„Man wartet hier nur auf das Essen und auf den Tod.“ Sie sagt das mit jener resignativen Entschiedenheit, die allen Widerspruch zwecklos macht.

Als ich den Aufenthaltsraum betrete, scheint es, als habe sie das knappe Dutzend menschlicher Wesen, die sich stumm um die Wachstuchdecke gruppieren, zum Beweis ihrer These dort versammelt. Nur ein zeitweilig ausgestoßener Grunzlaut durchbricht das anhaltende Schweigen. Ich grüße in die Runde. Man nimmt mich zur Kenntnis. Wortlos. Dann doch noch ein Dialog. „Heute gibt es Sülze.“ „Jaja. Sülze, wenn se keine kriegt, dann brüllt se.“

Und wieder Schweigen. Man wartet hier nur auf das Essen und auf den Tod. Jetzt geht die Tür auf. Es erscheint ein Herr mit Gehwagen,  geradewegs schiebt er auf uns zu. „Was schaut ihr so trübsinnig drein“, begrüßt er uns. „Könnte meinen, man sei hier im Altenheim.“ Ein Lächeln huscht über einige Gesichter.

„Ab und zu muss ich die auf Trapp bringen“, verrät er mir, nachdem er neben mir Platz genommen hat. Und fügt hinzu: „Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber ich bin gerne hier.“ Dann erzählt er. Von seinen Spaziergängen, den Bäumen, den Wolken, von Gärten und Menschen. Und von den Kindern, die es heute schwerer haben als damals, wie er findet, und für die er zum Trost stets ein paar Bonbons in der Tasche hat. Und dann nimmt er mich mit auf eine Reise, eine wunderbare Reise durch sein Leben.

In kurzen Hosen rennen wir zwei durch die masurischen Wälder, baden und fischen in glasklaren Seen, bewundern eine anmutige Schönheit mit blonden Zöpfen, sitzen noch einmal wie damals am verabredeten Bootssteg, wartend und hoffend und zweifelnd - bis die Angehimmelte dann doch noch erscheint oder vielmehr herbei gehüpft kommt  wie eines jener flachen Steinchen, die wir zum Zeitvertreib über die spiegelglatte Wasserfläche springen lassen.

In dieser Gangart meistern wir dann auch die unterschiedlichsten Klippen des Lebens, verweilen aber viel länger noch an seinen sonnenbeschienenen Hängen. Es ist einer der verhängnisvollsten Irrtümer unserer Zeit zu glauben, die Vergangenheit sei vergangen. In Wahrheit ist alles Vergangene gegenwärtig, lebt in uns, atmet in uns, sosehr der Himmel selbst alle Zeiten überspannt und in uns gegenwärtig sein lässt.

Was die Begegnung mit dem Alten mir sagt, ist: Leb dein Leben jetzt und heute – vor allem leb es so, dass du später einmal davon zehren kannst. Leb nicht einfach nur so dahin. Werde Augenblickssammler: Sammle Augenblicke - Glück, Freude Erfüllung, sammle viel Sonniges und Wärmendes, bevor es Winter wird in deinem Leben. Sammle solche Schätze, die das Herz höher schlagen lassen auch im Alter, denn – sagt Jesus - “wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein“. Das Ende des Gesprächs ist schnell erzählt. Irgendwann entschuldigte sich mein Gesprächspartner. Jetzt müsse er sich aber beeilen. Heute gäbe es nämlich sein Leibgericht.“ „Sülze“, sage ich wissend. „Genau“ nickt er: „Freue ich mich schon die ganze Woche drauf.“

 

Audiobeitrag Sülze


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