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Kann Gott nicht alles regeln?
Schon den ganzen Sommer über lächelt sie mich an: Eine freundliche Ordensschwester auf riesengroßen Plakatwänden.
Neben ihrem Porträt der Satz: Gott kann nicht alles regeln. Für uns bleibt noch genug zu tun. Mit diesem Slogan wirbt Lucia Segler, so heißt die junge Dame, um Unterstützung für die verdienstvolle Arbeit des katholischen Hilfswerks Misereor, das seit nunmehr sechzig Jahren ein beeindruckendes Engagement für die Dritte Welt an den Tag legt.
Misereor gesteht: Gott ist nicht allmächtig, schreibt prompt zum Beispiel die Redaktion der Internet-Seite www.antitheismus.de, und ärgerlich daran ist nicht, dass sie es tut, sondern dass sie Recht hat.
Die Werbeagentur, die da im Auftrag von Misereor tätig geworden ist, hat natürlich etwas Richtiges gewollt. Mit Zorn und Zärtlichkeit an der Seite der Armen - dieser Leitspruch des Hilfswerks steht auch auf dem Plakat und macht deutlich, worum es geht: Wer für wirkliche Gerechtigkeit eintritt, kann sich nicht damit begnügen, hier bei uns die Krise zu beklagen und ansonsten darauf zu vertrauen, dass Gott irgendwo zwischen Burkina Faso und Honduras die Welt schon irgendwie in Ordnung bringen wird.
Es ist genug zu tun für uns, in der Tat. Aber doch nicht deshalb, weil Gott nicht alles regeln kann. Was heißt das denn, zu Ende gedacht? Regelt Gott nur die Hälfte? Oder nur ein biss-chen? Oder, anderer Vorschlag, nur die großen Zusammenhänge, während wir uns um die Details kümmern? Oder, umgekehrt: Wir treffen die Richtungsentscheidungen und Gott macht anschließend die Feinarbeit?
Es ist ja gewiss nicht ganz leicht, Gottes Allmacht zu bekennen. Man stößt sofort auf die Fra-ge, wie ein allmächtiger Gott denn all das Elend in der Welt zulassen kann. Und überhaupt weckt schon das bloße Wort Allmacht die Vorstellung von hybriden Typen aus Politik und Wirtschaft, die so lange ihre einsamen Entscheidungen fällen, bis sie zur allgemeinen Er-leichterung über irgendeine dumme Sache stolpern und von ihrem hohen Ross fallen. Wir alle, das wissen wir alle, können nicht alles; jeder hat Stärken und Schwächen, und die besten Ergebnisse werden da erzielt, wo alle gut zusammenarbeiten.
Was aber soll es bringen, wenn wir uns deshalb nun auch Gott als prima team-player vor-stellen, der nicht alles regeln kann, sondern, wenn er gerade in Ruanda das Blutvergießen be-endet, darauf angewiesen ist, dass wir inzwischen schon mal die Kinderarmut in Indonesien bekämpfen? Nein, wer sein Tun und Lassen vom Glauben an Gott leiten lässt, der tut dies gerade im Vertrauen auf Gottes Allmacht. Tut es im Wissen, dass in dieser Welt nicht ein überirdischer Marionettenspieler an den Strippen zieht, sondern ein allmächtiger Gott durch und in Menschen wirksam wird, die für sich selbst, für andere und vor allem für den hilfe-bedürftigen Nächsten Verantwortung tragen. Diese Verantwortlichkeit zeichnet den Menschen aus, weil es Gottes Wille ist. Der Gott hingegen, der angeblich nicht alles regeln kann, ist in Wirklichkeit doch bloß der billige Lückenbüßer für das, was wir nicht schaffen. Der allmächtige Gott hat es nicht aus mangelnder Regelkompetenz, sondern in seiner All-macht so eingerichtet, dass für uns genug zu tun ist. Und das ist auch gut so.
Kann Gott nicht alles regeln?
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