Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.09.09, Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

Chatseelsorge

Autorin: Im Internet mit anderen zu chatten, auf gut deutsch zu plaudern, sich zu unterhalten, ist weit verbreitet. Insbesondere bei Jüngeren.

So wundert es nicht, dass auch die Kirchen es tun. Sogar Seelsorge wird jetzt im Netz betrieben, mit großem Erfolg. Chatseelsorge – so lautet das neue Angebot der Telefonseelsorge. 1800 Stunden haben die ehrenamtlichen Seelsorger 2008 im Netz gechattet. Und der Bedarf ist weitaus höher. Das Besondere an der Chatseelsorge:

O-Ton: dass viele Menschen eine noch niedrigere Schwelle suchen. Es braucht Mut, jemanden an zurufen und ein Problem zu schildern. Und vielleicht ist es da ein noch nieder schwelligeres Angebot in den chat zugehen.

Autorin: so Pfarrer Joachim Hall, von der Telefonseelsorge in Wuppertal. Allein dort arbeiten 40 Ehrenamtliche – jeder vierte von ihnen bietet auch Seelsorge im Netz an. Zu Terminen, zu denen man sich anmelden muss unter www. Telefonseelsorge.de. Für die erfahrenen Telefonseelsorger ist das chatten noch mal eine besondere Herausforderung:

O-Ton: Kommunikation in der sie nicht mal wissen, ist das jetzt ein Mann oder eine Frau, wie alt ist der eigentlich, ist das Problem wohl echt, guckt der nebenbei Fußball oder sitzen da jetzt 20 Kinder, die jetzt nur ein Problem vorgeben zu haben, ist schon schwierig.

Autorin: Wie auch bei der Telefonseelsorge melden sich hier Menschen, mit Ehe oder Familienproblemen, Menschen, die Opfer von Gewalt sind, deren Partner verstorben sind, aber eben auch besonders viele Menschen, die psychisch krank .

O-Ton: Depressionen begegnen uns häufig, Menschen mit borderline Erkrankungen was oft einhergeht mit selbstverletzendem Verhalten und Menschen mit schizoiden Erkrankungen auch.

Autorin: Gerade für Menschen mit psychischen Erkrankungen ist die chatseelsorge besonders wichtig.

O-Ton: Oft fehlt es den Menschen  an Kontaktpersonen, die sich noch Zeit für sie nehmen. Gerade psychisch Erkrankte machen oft die Erfahrung, dass Leute  es irgendwann nicht mehr hören können, sich mit ihrem Problem auseinanderzusetzen.

Autorin: 45 Minuten dauert in der Regel ein chat, höchstens 60. In dieser Zeit kann natürlich nicht alles besprochen werden zumal die Kommunikation im chat langsamer ist als am Telefon. Deshalb geht es immer „nur“ um den Moment:

O-Ton: … also es wird gefragt, was kann ich jetzt im Moment für dich tun, was brauchst du gerade am dringendsten.

Autorin: Wie man Gespräche führt, haben die Seelsorger gelernt. 120 Stunden dauert die Ausbildung bei der Telefonseelsorge. Vermittelt werden hier Gesprächstechniken, sowie das Wissen um besondere Problemstellungen. Auch Selbsterfahrung spielt eine große Rolle. Pfarrer Joachim Hall:

O-Ton: Ich staune, wie häufig Ehrenamtliche auch an der Arbeit, die sie hier tun wachsen. Wie viel  sie aus dem Dienst am Telefon oder auch im chat selber mitnehmen.

Autorin: weil sie Menschen aus ganz anderen Lebens-und Arbeitswelten kennenlernen – Menschen, denen sie sonst nie begegnet wären, die ihnen fremd sind. Besonders wichtig ist deshalb, für die Seelsorger zu akzeptieren: 

O-Ton: … dass andere Menschen  Probleme und Lebenslagen anders angehen als man selbst. Es darf niemand denken, meine Problemlösungen gelten auch für dich. Und das zu lernen ist für manchen ein großer Schritt.

Autorin: Leider haben die Telefon – und chatseelsorger ein großes Problem. Da die Angebote unentgeltlich und anonym sind, gibt es viel Missbrauch. Jeder vierte Anruf bzw. jede vierte mail ist nur ein gag. Ein schlechter Scherz. Meist von Jugendlichen, die so für jemanden, der dringend Hilfe braucht, die Leitungen verstopfen.

Audiobeitrag Chatseelsorge


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