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Erbsen in den Ohren
Autor: Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Der evangelischen Kirche wird für jeden Sonntag ein bestimmter Bibeltext vorgeschlagen.
Als Pastor einer evangelisch freikirchlichen Gemeinde in Köln bin ich daran nicht unbedingt gebunden. Aber mit dem Wort für heute verbindet mich eine nette Begebenheit aus meiner Kindheit.
Unsere Erziehung damals verlief weitgehend unbelastet von jeglichen pädagogischen Erkenntnissen. Wir hatten zu gehorchen, alles andere war eher nebensächlich. Wenn wir zum Beispiel am Küchentisch schaurige Fratzen rissen oder ausprobierten, wie weit man es wohl mit dem Schielen treiben konnte, ertönte schnell der Mahnruf: Lass den Unsinn, sonst bleibt irgendwann mal dein Gesicht so stehen! Bei ausgiebigen Tiefenbohrungen in der Nase war dann von abbrechenden Zeigefingern die Rede und ähnliches.
Besonders beeindruckt haben mich diese Mahnungen nicht, denn durch Selbstversuche wusste ich genau, dass dem nicht so war. Eindrücklicher fand ich schon die Schauergeschichte von dem Jungen, der sich einmal Erbsen in die Ohren gesteckt haben soll. Die hätten dort Wurzeln geschlagen und so wäre der Junge unter schlimmen Schmerzen ertaubt.
Das Bild ungewaschener Jungenohren, aus denen Halme sprossen, hat meine kindliche Phantasie sehr beschäftigt. Damals gab einen nicht mehr jungen Mitarbeiter in unserem Kindergottesdienst, der übersetzte alles für die taubstummen Kinder. Von denen gab es damals bei uns nicht wenige. Diesen Sonntagschulonkel bewunderte ich sehr, denn er beherrschte die Gebärdensprache. Geheimnisvolle Zeichen, aus denen man sicher auch eine Geheimsprache machen könnte. Und wenn er die Lieder und die Musik übersetzte, war ich völlig fasziniert. Egal, was die Mitarbeiterinnen, die wir damals Tanten nannten, auch zu erzählen hatten: Wir sahen nur auf ihn und seine geheimnisvollen Gebärden.
Er trug starke, klobige Hörgeräte. Einmal fasste ich allen Mut zusammen und fragte ihn: Hast du dir als Kind auch Erbsen in die Ohren gesteckt? Nachdem er aufgehört hatte zu lachen, erzählte er mir von seinem Schicksal. Wie er auf der Straße gehänselt wurde, von seinen Schwierigkeiten auf der Sonderschule und wie er mühselig lernte von den Lippen abzulesen. Er hat sprechen gelernt, indem er die Schwingungen seines Kehlkopfes ertastete. Er erzählte mir auch, wie erschrocken alle waren, als er erste Laute zu bilden versuchte: Viel zu laut natürlich und misstönend. Ich war zwar noch ein Kind, aber ich ahnte, wie schwer er es gehabt hatte. Was das bedeutet, ohne liebevolle Worte seiner Mutter aufzuwachsen und niemals Musik hören zu können, das ahnte ich damals noch nicht.
Musik: CD Lothar Kosse, Play, CD 946 271 Track 1
Das muss ein einsames, ja in sich abgeschottetes Leben gewesen sein, das der Mann in der biblischen Geschichte durchlitten hat, die Markus im 7. Kapitel seines Evangeliums aufgezeichnet hat. Die Begegnung mit Jesus muss für ihn wunderbar gewesen sein. Sie war es auch im ganz wörtlichen Sinne.
Sprecherin: (Markus 7, 31 37) (31) Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. (32) Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege. (33) Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und (34) sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf! (35) Und sogleich taten sich seine Ohren auf und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig. (36) Und er gebot ihnen, sie sollten's niemandem sagen. Je mehr er's aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. (37) Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.
Musik: CD Lothar Kosse, Play, CD 946 271 - Track 1 (kurzes fade in fade out)
Autor: Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind legt Johann Wolfgang von Goethe ausgerechnet dem Teufel Mephistopheles in den Mund. Und an manchen Wallfahrtsorten kann man den Eindruck gewinnen, der Kern des christlichen Glaubens bestehe tatsächlich in der Hoffnung auf ein Wunder.
Ich bin einmal in Lourdes gewesen. Das liegt in den Pyrenäen, ein mittelgroßes Städtchen, das geradezu geprägt ist von diesen Hoffnungen. Dort haben sich vorzeiten wundersame Dinge ereignet und nicht wenige haben dort Besserung oder gar Heilungen erfahren. Die Hoffnung auf ein Wunder treibt nun jedes Jahr Abertausende nach Lourdes. Der unsägliche religiöse Kitsch, mit dem die Souvenirläden vollgestopft sind und die fast schon industrielle Vermarktung dieser Wunderhoffnungen ist nicht nur für protestantische Christinnen und Christen eine besondere Herausforderung. Das ist auch keinesfalls typisch für die römisch katholische Kirche, die solche Auswüchse von Volksfrömmigkeit ebenfalls durchaus kritisch begleitet.
Nach einem Lourdesbesuch mag man das kaum glauben, aber im Neuen Testament wird um Wunder wenig Gewese gemacht. Von den meisten wird eher beiläufig berichtet. Sie sind auch niemals Selbstzweck oder gar eine Art Heilungsmethode eines Wunderheilers namens Jesus Christus. Wenn von Ereignissen die Rede ist, die die Ordnungen durchbrechen, die Gott seiner Schöpfung gab, hat das im wesentlichen zwei Funktionen: Wunder bekräftigen den Anspruch Jesu: Ich bin von Gott gesandt und in mir ist Gott selbst anwesend. Und sie nehmen zeichenhaft eine Wirklichkeit vorweg, die nicht von Elend, Krankheit und Tod geprägt ist, sondern vom umfassenden Heil in der Gegenwart Gottes.
Und trotz des Erstaunens, das diese Tat Jesu hier bei den Umgebenden hervorruft: Wunder bewirken keinen Glauben, sie beweisen nichts zwangsläufig. Sie bleiben immer interpretierbar und im Wortsinne zweifelhaft. Wunder mögen das Vertrauen auf Gott bekräftigen können, erzeugen tun sie es nicht. Ich denke da an ein Nachtgespräch im Freundeskreis über die Schwierigkeiten, glauben zu können. Also, wenn jetzt gleich aus meinem alten Opel Astra ein nagelneuer BMW geworden ist, sagte einer meiner Freunde halb im Scherz, dann kann ich auch an Gott glauben.
Wir haben lange darüber diskutiert. Über alle die möglichen und unmöglichen Erklärungsversuche, die uns dann einfallen würden. Schlüssig zum Glauben an Gott führen solche Wunder nicht. Wer nicht glauben will, wird immer viele Erklärungen finden und Gründe, sich vor einer Entscheidung für Gott zu drücken. Der Weg zu Gott ist geprägt von Vertrauen, von nichts anderem. Erschlagende Gottesbeweise gibt es einfach nicht und es gibt auch nichts anderes, das an die Stelle des Vertrauens treten könnte.
Musik: CD Lothar Kosse, Play, CD 946 271 - Track 13,
Autor: Diese Heilungsgeschichte scheint allerdings ein ganz besonderes Gewicht auf das Wundergeschehen selbst zu legen. Wir hören von geheimnisvollen Zeichenhandlungen, das Wort Hefata ertönt. Ein magisches Zauberwort? Formal gleicht unsere Geschichte allerlei Wundererzählungen, wie sie aus der Zeit Jesu auch von Magiern und Wunderheilern überliefert sind. Da kann man viel hineingeheimnissen. Aber ich glaube, die Erklärung dieses für Jesus ungewöhnlichen Verhaltens ist ganz einfach: Wie anders als so hätte sich Jesus denn diesem Mann verständlich machen können? Erklärende Worte erreichten den ja gar nicht. Und es geht Jesus ja gerade darum, diesem Mann zu begegnen.
Das Publikum ist Jesus völlig egal. Das unterscheidet die Wunder Jesu deutlich von alle dem, was sonst so am Rande der Kirchen an Wundergeschichten kursiert. Da betritt für gewöhnlich der Wundertäter die Bühne und verrichtet im Scheinwerferlicht mit mehr oder weniger Brimborium seine Show. Die gipfelt dann nicht selten in eindrücklichen Spendenaufrufen. Da haben Gott und die Objekte seiner Handlungen dieselbe Funktion wie die Scheinwerfer: Der Wundertäter soll beleuchtet werden. Unseren Herrn kann man sich so nicht vorstellen. Und das nicht nur, weil er sich jegliche Publicity ausdrücklich verbittet.
Auch in dieser Wundergeschichte herrscht ein ganz anderer Geist. Zunächst einmal nimmt Jesus diesen Mann zu Seite und wendet sich ihm zu. Die Menge drum herum tritt völlig in den Hintergrund. Jesus legt seine Finger fühlbar in die Ohren des Mannes: Da ist der Schaden, den Jesus heilen wird. Im Urtext heißt es: Jesus spie aus, ein klares Zeichen für schlecht, das zu allen Zeiten und überall auch ohne Worte verstanden werden kann. Dann berührt er die Zunge des Mannes. Die wird er lösen. Nun schaut Jesus nach oben, in den Himmel: Von daher, von Gott her, wird die Hilfe kommen und Jesus seufzt: Alles das kann auch jemand verstehen, der keine Worte hören kann. Und nun spricht Jesus das lösende Machtwort: Hefata: Tue dich auf. Das eigentliche Wunder wird mit einem schlichten Satz beschrieben: Und sogleich taten sich seine Ohren auf und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig. Ein schlichter Satz, in dessen Formulierungen aber auch deutlich wird, das hier keine Therapie stattfindet. Hier wird aus einer Unheilsmacht erlöst.
Musik: CD Lothar Kosse, Play, CD 946 271 - Track 13,
Autor: Kann es Wunder überhaupt geben? Passt das überhaupt in unsere Welt? Ist das nicht Wunschdenken und Einbildung? Wir können wohl gar nicht anders, als dabei nach natürlichen Erklärungen und naturwissenschaftlichen Grenzen zu fragen. Das hat die Menschen der Antike überhaupt nicht interessiert. Was sollte denn auch dem Gott unmöglich sein, der durch sein Wort die Wirklichkeit ins Sein rufen kann?
Die Frage ist auch interessanter: Warum denn sollte Gott die Gesetzmäßigkeiten durchbrechen, die er selbst ja der Natur gegeben hat? Die Antwort, die unsere Wundergeschichte gibt, geht über diese Geschichte hinaus. Er tut es aus Liebe, einer Liebe, die sich dem Glaubenden erschließen kann und die auch den Menschen gilt, die nicht glauben können, aus welchen Gründen auch immer. Diese Liebe erkenne ich in jedem Detail der Begegnung Jesu mit diesem tauben und stummen Mann. Ich habe mir als Junge niemals Erbsen in die Ohren gesteckt.
Ich hab zwar längst nicht immer gehorchen, aber immer sehr gut hören können. Doch der Mann ist mir ähnlich. Erst als mir Jesus auf sehr persönliche Weise begegnet ist habe ich hören können, dass seine Liebe mir gilt. Da war das Wort Gottes nicht mehr nur Schallwelle und Vibration. Da wurde es eine lebendige Wahrheit in mir und für mich. Diese Kraft muss an keiner Grenze halt machen. Ich habe erlebt, dass Jesus nicht meine Ohren, sondern mein Leben heil gemacht hat. Einen auch in diesem Sinne ganz wunderbaren Sonntag wünscht Ihnen Wolfram Krebs von der Evangelisch Freikirchlichen Gemeinde mitten in Köln.
Musik: Lothar Kosse: best guitar tunes play! Distribution Germany: Gerth Medien, Postfach 1148, 35607 Asslar, Compact Disc 946 271
Track 1 open house 1994 Praize Republic written and arranged by Lothar Kosse - Produced by Lothar Kosse and Jim Foster Track 13 When I see you 1994 written, arranged and produced by Lothar Kosse
Erbsen in den Ohren
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