Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.09.09, Pfarrerin Silke Niemeyer

„So nimm denn meine Hände“ (eg 376)

Autorin: Im großen Kreis sind wir um das Bett der alten Frau versammelt: Ihre Söhne und Töchter, Enkel und ich, die Pfarrerin. Angespanntes Schweigen beherrscht den Raum.

Die Stille wird nur durchbrochen von den unregelmäßigen Atemzügen der Frau. „Hat sie ein Lieblingslied?“, frage ich. „Ja.“ Wir fassen einander bei den Händen. Auch die kühlen Hände der Sterbenden finden eine andere, die sie behutsam berührt. Eine Träne rinnt über ihr Gesicht, während wir singen:

Choral: (1. Strophe) „So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt. Wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.“

Autorin: Dieses Lied tröstet so viele Menschen in der Stunde des Abschieds. Geschrieben hat es: Julie Hausmann, die einzig durch dieses Lied bekannt wurde. 1826 wird sie als Tochter eines Gymnasiallehrers in Riga geboren. 1901 stirbt sie in Estland. Im Alter schreibt sie über ihr Leben:

Sprecherin: Wenn ich zurückblicke auf meine durchlaufene Lebensbahn, kann (ich) nicht anders, als des Herrn Weisheit und barmherzige Führung loben und preisen! Da er mir irdischen Besitz und ein liebliches Äußeres versagt und mir Kränklichkeit als eine Mitgabe verliehen hat, mußte ich die Freuden der Welt entbehren, und sie hatten auch keine Anziehungskraft für mich, denn ich war dadurch, daß ich mein inneres Leben und meine Liedergabe pflegen durfte, reichlich entschädigt.

Autorin: Eine Legende rankt sich um ihr Lied: Julie Hausmann verliebt sich in einen jungen Pfarrer und verlobt sich mit ihm. Der aber will als Missionar nach Afrika gehen. Er reist voraus in der Hoffnung, dass Julie ihm bald folgen werde. So geschieht es auch. Sie begibt sich auf die lange beschwerliche Reise, voller Vorfreude auf die Hochzeit. Doch als sie ankommt, zerbricht der Traum vom Glück. Ihr Verlobter ist einige Tage zuvor an einer tückischen Krankheit verstorben. Nach ihrer Rückkehr habe Julie was sie bewegte in diesem zu Herzen gehenden Lied niedergeschrieben.

Orgelfantasie

Sprecher: „So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt. Wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.“

Autorin: Julie Hausmann bleibt Zeit ihres Lebens unverheiratet. Sie lebt mit ihren Schwestern zusammen, gibt Musikunterricht und widmet ihr Leben dem Schreiben. Einige ihrer Gedichte gelangen auf Umwegen zu dem Berliner Pfarrer Gustav Knak. Er veröffentlicht sie 1862 in dem Büchlein „Maiblumen. Lieder einer Stillen im Lande“. Die „stille“ Dichterin erklärt dazu bescheiden:

Sprecherin: Und sollte auch nur ein Herz durch diese schwachen, unvollkommenen Lieder erfreut werden, so wäre das ja eine Gnade, deren ich nimmer werth bin, für die ich wieder singen und loben wollte mein Leben lang.

Autorin: Nicht nur ein, sondern unzählige Herzen erfreuen sich seitdem an ihrem Lied. „So nimm denn meine Hände“ ist zu einem kirchlichen Evergreen geworden. Dass es so populär wurde, dazu trug nicht zuletzt die volkstümlich einfache und sehnsuchtsvolle Melodie von Friedrich Silcher bei. Ursprünglich hatte er sie für ein Abendlied komponiert. Wohl gab es den Versuch, dem Text eine andere choralartige Melodie zu geben. Doch der scheiterte. Eine andere Musik konnte sich nicht durchsetzen.

Orgelfantasie

So beliebt Julie Hausmanns Lied auch ist – nicht wenige finden es eher süßlich als sehnsüchtig. Sie werfen ihm vor, eher kitschig zu sein als gefühlvoll und echt. Wie auch immer, es geht vielen zu Herzen. In ihm suchen bis heute Menschen Trost, wenn ihnen die Worte fehlen und wenn sie sich hilflos fühlen. Mich rührt es jedes Mal zutiefst, wenn ich erlebe, dass ein alter Mensch, dem die Demenzerkrankung nach und nach die Erinnerung und die Sprache raubt, es inbrünstig singt.

Choral: (2. Strophe): „In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.“

Sprecher: In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Laß ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

Autorin: Allerdings –  mir fällt es nicht leicht, dieses kindlich naive Gebet so einfach mitzusingen. Das bin ich nicht: ein schwaches Herz, immer still in Freud und Schmerz. In Freude möchte ich laut lachen, singen, jubeln, Glück versprühen. In Schmerz möchte ich klagen, kämpfen, rebellieren, Tränen vergießen. Die Augen schließen und blind glauben. Das will ich nicht. Ich möchte mit offenen Augen leben, wach sein, hinschauen. Nichts wird besser dadurch, dass man die Augen davor verschließt. Ist es nicht blinder Glaube, der Illusionen gebiert und Hirngespinste webt? Stehen Gotteskinder nicht aufrecht vor Gott, statt zu seinen Füßen zu ruhen?

Orgelfantasie

Autorin: Aber vielleicht lebt tief in uns ja die Sehnsucht, manchmal ein bedürftiges Kind sein zu dürfen? Einfach die Hände hinzuhalten und zu sagen: „Halt mich fest!“ Gerade, wenn man ein Mensch ist, der immer erwachsen sein, alles im Griff und unter Kontrolle haben muss, vor allem sich selbst. Julie Hausmann war keineswegs eine lebensuntüchtige Frau, die sich in naiver Frömmigkeit verlor. In ihren Gedichten schrieb sie oft von der Nacht und der Abwesenheit Gottes. Völlig Glaubens ergeben zu sein, war weniger ihre Erfahrung als ihre verzweifelte Sehnsucht. Zeit ihres Lebens litt sie unter Schlaflosigkeit und chronischen Kopfschmerzen. Wenigstens in ihrem Lied erlaubt sie sich loszulassen, zu ruhen und die Augen zu schließen. Vielleicht hat sich Julie Hausmann inspirieren lassen von den Worten des 73. Psalms:

Sprecher: Stets bleibe ich an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil. (Psalm 73, 23-26)

Autorin: Es gibt Situationen im Leben, in denen dürfen wir schutzbedürftig sein. Wir brauchen in solchen Momenten das Vertrauen gehalten zu werden. Am besten durch einen Menschen, der uns nah ist. Daraus erst können wir die Kraft schöpfen aufzustehen und weiter zu gehen. Und am Ende kann daraus sogar die Zuversicht wachsen, auch nicht verloren zu gehen in der Nacht des Todes, sondern das Leben selig zu beschließen.

Sprecher: Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Choral: (3. Strophe) Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich.

Musikinformation: Es sang das Wilhelmshavener Vokalensemble unter der Leitung von Ralf Popken.

 

 

Audiobeitrag „So nimm denn meine Hände“ (eg 376)


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