Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.09.09, Pfarrerin Silke Niemeyer

„Womit habe ich das verdient?“ (vgl. Johannes 9,1-7)

Die Frau blickt mich aus ihrem Krankenbett heraus an. „Was habe ich bloß verbrochen?“, fragt sie statt einer Begrüßung.

„Können Sie mir das nicht sagen? Womit habe ich das hier verdient?“

Vielleicht möchte sie nur ihren Gefühlen freien Lauf lassen, klagen und protestieren gegen ihr Schicksal. Aber vielleicht glaubt sie ja wirklich, sie würde bestraft.

Viele Menschen glauben an solch einen Zusammenhang von Krankheit und Schuld. Manchen erscheint ihre Erkrankung als Strafe, manchen als Prüfung, manchen als Gottes unerforschlicher Wille. Irgendeinen Sinn muss es doch haben, dass man so leidet. Wir können ja viel aushalten, solange wir wissen, warum und wofür. Lieber haben wir eine schlechte Erklärung für unser Elend als gar keine. Was wir nämlich kaum aushalten, ist das Gefühl, es ist sinnlos, was uns getroffen hat.

Ich glaube nicht, dass eine Krankheit irgendeinen höheren Sinn hat. Und schon gar nicht, dass Gott sie uns schickt. Dass wir erkranken können, gehört zum menschlichen Leben dazu. Ebenso wie das Altern und der Tod. Eine Krebserkrankung ist weder gerecht noch ungerecht. Ein Herzinfarkt ist keine Angelegenheit einer besseren oder schlechteren Moral. Es ist einfach, wie es ist.

Jesus und seine Jünger sehen einmal im Vorübergehen einen Mann, der von Geburt an blind ist. „Wer hat gesündigt – der hier oder seine Eltern?“, fragen die Schüler ihren Meister (Johannes 9,2). Damals war es eine verbreitete Ansicht, dass Krankheit eine Sündenstrafe sei. So ganz fremd sind uns solche Reden nicht: Einer muss doch Schuld haben. Oft wird mit Fingern auf die ungesunde Lebensweise gezeigt. Oder bei HIV-Infizierten auf die sexuelle Orientierung. Mag sein, dass es leichter fällt, an dem Kranken vorbei zu gehen, wenn er sich  seine Krankheit selbst zuzuschreiben hat.

„Weder er hat gesündigt noch seine Eltern“, (Johannes 9,3), antwortet Jesus. Und er gibt ihnen zu verstehen, dass sie mit dieser Frage völlig auf dem Holzweg sind: Sucht nicht nach Schuld. Es gibt keine!

„Weder der Blinde hat gesündigt noch seine Eltern“, sagt Jesus und führt weiter aus: „Sondern Gottes Werke sollen an ihm offenbar werden.“ Dieser Mensch ist nicht euer Angeklagter, sondern euer Nächster. Nicht euer Urteil über ihn ist gefragt, sondern eure Solidarität. Niemandem geschieht es recht, dass er im Elend sitzt.

Fragt nicht: Warum ist der blind? Fragt: Was können wir um Gottes Willen tun? Was braucht der Kranke, da es ihn so getroffen hat? Damit macht ihr Gottes Werke sichtbar! Und was er braucht, weiß doch jeder, der schon mal krank war: Menschen, die nicht über ihn, sondern mit ihm reden. Menschen, die nicht vorbei gehen, sondern stehen bleiben und ihm beistehen. Wie viele Kranke erleben gerade das Gegenteil, nämlich dass sie auf einmal zu Unreinen werden, dass Freunde und Nachbarn seltsam scheu werden und auf Distanz gehen. Vor allem, weil sie nicht wissen, wie sich verhalten sollen. Was sie fragen dürfen. Was sie sagen sollten. Dabei müssen sie gar nichts Kluges reden. Furcht und das Gefühl von Sinnlosigkeit gehen nicht weg durch noch so kluge Erklärungen. Die einzige Antwort auf die bohrende Frage nach dem „Warum?“ ist die Nähe eines Menschen, der die Angst und Ratlosigkeit mit aushält. Das kann einem leidenden Menschen helfen, sich selbst wieder gewiss zu werden:

Es ist, wie es ist. Das ändert jetzt vieles in meinem Leben. Aber an einem ändert das nichts. Ich behalte meinen Wert, auch wenn ich nicht gesund bin. Ich bleibe Gottes Geschöpf auch in Krankheit und Ohnmacht. Krankheit hat keinen höheren Sinn. Aber mein Leben hat Sinn. Auch mein krankes!


 

Audiobeitrag „Womit habe ich das verdient?“ (vgl. Johannes 9,1-7)


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