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Gott der Rache, erscheine! (vgl. Psalm 94,1-7)
Autorin: Ich liebe Märchen. Da sind die Guten gut und die Bösen böse. Und die Guten werden belohnt, und die Bösen werden bestraft. Die Geißlein bringen den Wolf zur Strecke.
Aschenputtel heiratet den Prinzen. Ende gut, alles gut.
Zu schön, um wahr zu sein. Im wirklichen Leben aber nimmt die Geschichte oft keinen märchenhaften Ausgang: die Guten gucken in die Röhre, und die Übeltäter setzen sich in Schlössern zur Ruhe. Die Geißlein werden gefressen, und der Wolf leckt sich die Lefzen. Aschenputtel wird schwanger, und der Prinz betrinkt sich auf Partys. Und keiner sieht hin. Und wer es doch sieht, den interessiert es nicht. Und wen es dennoch interessiert, der kann nichts ändern. Wird das denn ewig so bleiben? Einmal muss das doch anders werden!
Sprecher: Gott der Rache, HERR, Gott der Rache, erscheine. Erhebe dich, Richter der Erde, vergilt den Stolzen ihr Tun. Wie lange sollen die Frevler, HERR, wie lange sollen die Frevler frohlocken? Sie geifern, reden frech daher, es brüsten sich alle Übeltäter. (...) Witwe und Fremdling töten sie, und sie ermorden die Waisen, und sie sagen: Der HERR sieht es nicht. (Psalm 94,1-4.6f)
Autorin: Diese Sätze aus dem 94. Psalm sind ungewohnt harte Worte. Gott der Rache, erscheine? Wer von uns kann sich vorstellen, dass wir so sonntags im Gottesdienst beten?
Aber warum eigentlich nicht? Manchmal möchte man doch mit der Faust dreinschlagen. Nicht immer besonnen und nach allen Seiten hin verständnisvoll sein. Gerade wenn das Unrecht zum Himmel schreit. Aber wir tun nichts. Vielleicht weil wir Christen den Gott der Rache in unserem Glauben abgeschafft haben. Haben wir doch den Gott der Liebe und der Vergebung. Vielleicht auch, weil wir uns in der Wirklichkeit eingerichtet haben: So ist eben der Lauf der Dinge, sagen wir. Und finden uns mit jedem Unrecht ab. Wir sind ja nicht betroffen. Deshalb können wir uns solche Hoffnungslosigkeit leisten.
Gott der Rache, erscheine! Könnte es sein, dass jener Psalmbeter noch etwas von Gott verstand, was liberale Christen vergessen haben? Er bagatellisiert ihn nicht zum lieben Gott, der es allen irgendwie recht macht. Gott ist für ihn der liebende Gott, mit dessen Gerechtigkeit er fest rechnet. Gäbe es den Gott der Rache, dann wäre es nicht egal, auf welcher Seite man steht. Die Stolzen und die Übeltäter hätten nicht das letzte Wort in der Geschichte. Diejenigen, die stöhnen: Wie lange noch? bekämen endlich eine Antwort: Schluss damit!
Mir gefällt die Leidenschaft des Gebets, weil es so durchdrungen ist vom Wunsch nach einer gerechten Welt. Gleichzeitig wird mir aber mulmig. Heute vor acht Jahren brannten die Türme des World Trade Centers. Als Präsident George Bush das Trümmerfeld besuchte, hielten die Menschen Spruchbänder hoch, auf denen stand: George, gib es ihnen! und Heute Trauer, morgen Rache! Der Präsident ließ sich nicht lange bitten und kam dem Ruf nach und rief zum Kreuzzug.
Der Apostel Paulus ahnte wohl, wie sehr unsere Rachewünsche in der Gefahr stehen, missbraucht zu werden, und wie das Rad der Gewalt damit endlos weiter gedreht wird. Nicht von ungefähr schreibt er:
Sprecher: Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. (...) Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« (...) Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Römer 12,17-21)
Autorin: So sehr wir auch verabscheuen, wie die Skrupellosen in der Geschichte triumphieren: Unsere Rachewünsche sollten uns nicht überwinden. Damit wir in unserer Sehnsucht nach einem guten Ende die Welt nicht in einen Albtraum verwandeln.
Gott der Rache, erscheine! (vgl. Psalm 94,1-7)
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