Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.09.09, Pfarrerin Silke Niemeyer

„Auge um Auge!“ (2. Mose 21,23ff)

Autorin: Wenn irgendwo die Gewalt eskaliert, wenn hemmungslos gerächt und besinnungslos Vergeltung geübt wird, dann wird gerne das Alte Testament zitiert:

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Doch kaum einer kennt den biblischen Zusammenhang.

Sprecher: „Entsteht ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmahl um Brandmahl, Beule um Beule, Wunde um Wunde.“ (2. Mose 21,23ff)

Autorin: Für manche Ohren klingt diese so genannte „Talionsformel“ erbarmungslos. Doch war das Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ in einer Welt, in der die Blutrache gängige Praxis war, ein großartiger Rechtsfortschritt. Dieser Grundsatz ist nicht grausam und rachsüchtig, sondern er ist gerade dazu gedacht zu verhindern, es dem anderen so richtig heimzuzahlen: Dem, der dir den Zahn ausgeschlagen hat, reiße nicht sofort den Kopf ab! Aus einem nicht behebbaren Schaden soll keine unendliche Spirale von Gewalt erwachsen. Das Talionsprinzip soll vielmehr Verhältnismäßigkeit, Gerechtigkeit und letztlich Menschlichkeit fördern. Gut und schön, könnte man nun sagen. Aber hat Jesus diesem alttestamentlichen Gebot nicht eine klare Absage erteilt? In der Bergpredigt sagt er doch:

Sprecher: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, dass ihr dem Übel nicht widerstreben sollt, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“ (Matthäus 5,38-39)

Autorin: Die Botschaft scheint eindeutig: Wehrt euch nicht. Lasst euch lieber ein zweites Mal schlagen. Verzichtet darauf, euer Recht auf Wiedergutmachung durchzusetzen. Mit dieser Vorstellung von christlicher Moral habe ich meine Probleme. Soll eine vergewaltigte Frau ihrem Peiniger etwa die andere Wange hinhalten? Sollen Kriegs- und Folteropfer darauf verzichten, ihren Fall vor Gericht zu bringen?

Jesus redet hier zuerst einmal zu den Menschen seiner Zeit. Seine Zuhörer lebten unter militärischer Besatzung in äußerster Bedrängnis und Ohnmacht. Litten unter täglichen Demütigungen der Machthaber und Schlägen der römischen Soldaten. Es gab kein Gericht, vor dem sie Wiedergutmachung hätten durchsetzen können. Dem übermächtigen Angreifer in die Augen zu schauen, den Kopf zu drehen und die andere Backe hinzuhalten – das war eine kleine Möglichkeit des Widerstands, die ihnen blieb: Die Geschlagenen spiegeln den Schlägern ihre Brutalität zurück. Darin bewahren sie wenigstens etwas von ihrer Freiheit und Würde.

Die andere Backe hinzuhalten bedeutet nicht, das Unrecht anzuerkennen. Nein, hier protestieren die Wehrlosen gegen Willkür und Rechtlosigkeit. Wie jener Student, dessen Bild weltberühmt wurde: Während des Prager Frühlings stellte er sich vor das Geschütz eines Panzers und hielt sich die Jacke auf.

Welche Kraft zur Veränderung darin stecken kann, hat auch die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA um Martin Luther King bewiesen. Aber auch welches Risiko darin steckt: Der Friedensnobelpreisträger bezahlte am Ende mit seinem Leben. Und ich heute? Wie stelle ich mich zu Jesu Aufforderung, die andere Wange hinzuhalten?

Ich habe keine einfache Antwort. Ich bewundere Menschen wie Martin Luther King und jenen Studenten und wünsche mir, wenn es darauf ankommt, auch so mutig sein zu können.

Doch wenn eine geschlagene Frau meine Hilfe als Pfarrerin sucht, dann werde ich ihr nicht sagen, sie möge die andere Backe hinhalten. Dann unterstütze ich sie dabei, sich zu wehren und Mittel zu finden, um ihr Recht durchzusetzen. Eines gilt für mich eindeutig: Ob beim Grundsatz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ oder bei dem Rat, die andere Backe hinzuhalten: es geht darum, dass Gewalt überwunden wird und Menschen zu ihrem Recht kommen.

Audiobeitrag „Auge um Auge!“ (2. Mose 21,23ff)


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