Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.09.09, Pfarrerin Silke Niemeyer

"Man muss vergeben! - Muss man?"

„In letzter Zeit kommt das alles wieder hoch“, erzählt mir die alte Dame. Und dann spricht sie davon, was für ein Tal der Tränen ihre Ehe war und wie ihr Mann sie demütigte.

Sie schweigt. Doch dann setzt sie sich aufrecht, als weise sie sich selbst zurecht. Sie schaut mich direkt an, lächelt fein und sagt: „Aber er hat doch immer gut für mich gesorgt. Nun ist er schon so lange tot. Man muss ja vergeben!“

„Muss man?“, frage ich zurück. „Ja doch, man darf doch nicht nachtragend sein!“, bekräftigt sie etwas irritiert. „Sie tragen aber doch noch schwer an dem, was sie erlebt haben“, hake ich nach. Sie nickt. Dann antwortet sie leise: „Aber wir sind doch Christen. Da muss man vergeben. Das habe ich doch so gelernt.“

So haben es viele gelernt. Eine Christenpflicht sei es zu vergeben. Ist unser Gott denn nicht ein gnädiger und großherziger Gott? Und Christus, der hat sogar seinen Henkern verziehen!

In diesem Glauben spielen viele verletzte Menschen ihren Zorn gegen ihre Peiniger herunter: Kinder, die von ihren Eltern verprügelt oder auf andere Weise verachtet werden. Frauen, die von ihren Männern misshandelt werden. Männer, die von Kollegen fertig gemacht werden. Sie sagen, das sei längst abgehakt. Sie sagen, das sei doch nicht so schlimm gewesen. So rät man ihnen ja auch: Man müsse auch mal vergessen, sagt man ihnen. Sie sollten nicht alles auf die Goldwaage legen.

Allerdings: der Schmerz über Kränkungen geht nicht davon weg, dass man ihn verbietet. Er kehrt zurück als Bitterkeit, die den Geschmack am Leben verdirbt. Brennender Zorn über Unrecht wird nicht dadurch gelöscht, dass man ihn leugnet. Er kehrt zurück als heimlicher Groll, als Schwelbrand, der die Beziehungen vergiftet.

„Ich hasse sie mit ganzem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden!“, schreit unüberhörbar eine Stimme aus dem 139. Psalm. „[Gott] möge feurige Kohlen über sie schütten. Er möge sie in Gruben stürzen, dass sie nicht mehr aufstehen.“ (Ps 140,11) Das wünscht ein anderer Beter denen, die ihn unglücklich machen. In der Bibel wird zum Teil nach Herzenslust geschimpft, gewütet, ja gehasst. Die Opfer erlauben sich, ihre Gefühle offen zu durchleben. Und da ist kein moralischer Zeigefinger. Kein Gott, der sie verwirft. Denn nur so können sich Gefühle und Wünsche, die uns beherrschen, ändern. Sie verlassen uns erst, wenn wir sie gelten lassen. Erst dann können sie sich in andere, in positive, verwandeln.

Es ist unterschiedlich, was wir dazu brauchen, um den Schwelbrand des Grolls in uns zu löschen. Bei schweren Verbrechen ist es für die Opfer wichtig, dass die Täter gefasst und zur Rechenschaft gezogen werden. Doch Sühne macht nicht alles wieder gut. Und längst nicht jede schwere Kränkung ist eine Straftat.

Manchmal hilft es uns, den, der uns etwas antat, mit seiner Geschichte zu sehen. Zu verstehen, was ihn trieb. So muss er nicht länger ein Unmensch in unseren Augen bleiben. Manchmal hilft es auch zu begreifen, wo wir selbst Anteil an dem hatten, was uns geschah. Das alles können wir nur schwer aus uns selbst schöpfen. Deshalb tut es gut, einfach jemanden zu haben, der unsere Wut hören kann und nicht gleich beschwichtigt. Der uns behutsam unterstützt, herauszufinden, was und wer wir eigentlich sind, jenseits von dem, was man uns antat. Erst dann sind wir irgendwann imstande zu sagen: „Ich vergebe dir“. Nicht gezwungen, sondern in aller Freiheit. Nicht als Pflicht, sondern selbst erleichtert.

Dies wünsche ich der alten Dame. Nicht dass sie vergessen soll, aber dass sie tragen kann, was sie erlebte, und es nicht mehr nachtragen muss. Dass sie Frieden machen kann mit ihrem Mann und dadurch selbst befreit wird. Befreit davon, bis ins Grab sein Opfer zu sein und zu bleiben.

 

Audiobeitrag "Man muss vergeben! - Muss man?"


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