Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.09.09, Pfarrerin Silke Niemeyer

"`tschuldigung!" (vgl. 1. Mose 32;33)

Manche Urlaubserlebnisse vergisst man nicht. Ich sitze in einem lauten Münchner Wirtshaus und beobachte das bunte Treiben.

Nebenan sitzt eine Gruppe chinesischer Geschäftsleute. Einige versuchen vergeblich, die Aufmerksamkeit der vorbeieilenden Kellnerin zu erhaschen. Einer kennt sich aus. Er weiß, welches Zauberwort weiterhilft: „Tschu-jung!“ Er wiederholt es. Die anderen sprechen ihm nach: „Tschu-jung“. Ich rätsele noch über das merkwürdige chinesische Wort, da höre ich eine kräftige deutsche Stimme: „’tschuldigung! Ein Helles bitte!“ und ich verstehe.

Die Bitte um Entschuldigung ist auf einen unkenntlichen Sprachfetzen geschrumpft. Ob man ein Bier bestellen möchte, ob man sich in einer Menschenmenge vordrängeln will, ob ein Versprecher rausrutscht: „’tschuldigung’“. Kein Wunder, dass die chinesischen Gäste es für eine Allzweckformel halten. Aber sie wirkt nicht immer. Als nichtssagendes Wort erlebe ich es nicht selten auch unter uns.
S
ag „Entschuldigung“, bringen Eltern ihren Kindern bei, wenn  diese grob oder respektlos waren. „Wieso, ich habe mich doch entschuldigt“, wird Protest laut, wenn der Angeredete die Sache noch nicht für so schnell erledigt hält. Doch mit „Entschuldigung“ allein ist es nicht getan. Als hätte man seine Schuldigkeit getan, sobald man es ausgesprochen hat. Also Schwamm drüber!

Überhaupt. Geht das: sich ent-schuldigen? Kann ich mich selbst von der Schuld lossprechen? Oder ist es nicht vielmehr so: Ent-schulden, und somit entlasten, kann mich nur der, dem ich etwas angetan habe. Wenn er mir nämlich sagt: Ich verzeihe dir.

Bevor es wieder gut werden kann, muss ich mich in die Hand dessen begeben, dem ich etwas zugefügt habe. Ich komme nicht umhin zu spüren, wie verletzt der andere ist. Nun muss ich aufhören mit all den schönen Rechtfertigungen, die da beginnen: „das macht doch jeder“, „die soll sich nicht so anstellen“. Ich kann nichts als bitten. Und am Ende muss ich die Vergebung auch annehmen können. „Ich bitte dich um Entschuldigung“, dieser Satz sticht bisweilen wie eine Gräte im Mund, die man schnell ausspucken möchte. Zu schnell: „’tschuldigung“.

Wie schwer Versöhnung fallen kann, davon erzählt eine biblische Geschichte: Jakob hatte seinen alten blinden Vater mit einem hinterhältigen Trick getäuscht und seinen älteren Bruder Esau um dessen Erbe gebracht. Danach floh Jakob zu seinem Onkel. Nach vielen Jahren will er als gemachter Mann in seine Heimat zurückkehren. „Gott, rette mich doch vor meinem Bruder Esau. Ich habe solche Angst vor ihm, er wird uns alle umbringen“, betet Jakob. Er traut sich nicht, dem Geprellten Auge in Auge gegenüberzutreten. Darum schickt er mehrere Diener mit Geschenken voraus. Er selbst wartet lieber und bleibt noch eine Nacht in seinem Lager. Bis zum Morgengrauen kämpft er mit sich. Dann wagt er es endlich den Grenzfluss zu seinem Heimatland zu überqueren.

Da sieht Jakob Esau kommen. Sieben Mal wirft er sich auf die Erde, bevor sein Bruder vor ihm steht. Esau aber umarmt und küsst ihn und beide weinen vor Freude.

Doch das geht jetzt zu schnell für Jakob. Wortreich überredet er Esau, seine Geschenke anzunehmen. Musste er erst mit sich kämpfen, dem Bruder begegnen zu können, so muss er sich nun ein zweites Mal überwinden, damit er dessen Vergebung annehmen kann.

Sich zu entschuldigen ist manchmal schwieriger als Chinesisch zu lernen. Wenn man es jedoch schafft, ist es unglaublich befreiend. Aber immer wieder muss man von neuem anfangen, sich ein Herz fassen und ganz von vorn Versöhnung buchstabieren.

Audiobeitrag "`tschuldigung!" (vgl. 1. Mose 32;33)


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