Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.08.09, Präses Nikolaus Schneider

Bauen und nicht verderben, pflanzen und nicht ausreißen

Prophetinnen und Propheten, liebe Hörerinnen und Hörer, sehen und hören Gott unmittelbar. Dem Propheten Jeremia z. B. hat Gott einst offenbart,

wie er sein Volk Israel richten will nach der katastrophalen Niederlage Israels gegen die Babylonier.

Zwei Feigenkörbe lässt Gott den Jeremia sehen, einen mit guten und einen mit ungenießbar schlechten Feigen. Und Gott lässt Jeremia wissen: Mit den schlechten Feigen sind der König und die mächtige Oberschicht in Jerusalem gemeint, die Verantwortungsträger in Verwaltung, Militär, Banken und Wirtschaft. Denen wird es schlecht ergehen, wegen ihrer Schlechtigkeit.

Mit den guten Feigen sind die Menschen gemeint, die in die Gefangenschaft nach Babylon verschleppt wurden. Das Bibelwort aus dem Losungsbuch der Herrnhuter Brüdergemeine für den heutigen Tag spricht in Jeremia 24 Vers 6 über diese Verschleppten. Das sagt Gott über ihr Schicksal und über ihre Tage in der Fremde: „Ich will sie gnädig ansehen und will sie bauen und nicht verderben, ich will sie pflanzen und nicht ausreißen“.

Verkehrte Welt, könnte man denken: Gnade, Bauen und Pflanzen gilt den Entwurzelten! Zorn, Zerstörung und Ausreißen den in der Heimat, im gelobten und verheißenen Land Verschonten!

So ist das mit Gottes Gnade, liebe Hörerinnen und Hörer: sie ist keine Magie. Sie lässt sich nicht auf Orte, wie den Tempel, oder auf Länder, wie Israel, fixieren. Sie sucht vielmehr immer die Menschen. Unabhängig von ihren Lebensorten. Und nicht selten handelt Gott gegen selbstverständliche Erwartungen und den Augenschein. Seine Gnade gilt denjenigen, die keine Gnade vor den Augen der Sieger gefunden haben. Vertreibung und Zwangsarbeit ist ihr von Menschen verordnetes Schicksal.

Sein Erbauen gilt denjenigen, deren Häuser zerstört und Äcker enteignet wurden. Eine selbständige und angesehene Existenz ist ihnen nach dem Willen der Sieger verwehrt. Sein Pflanzen gilt denjenigen, die nach dem Befehl der Sieger entwurzelt wurden und sich nun in der Fremde und unter völlig unbekannten Verhältnissen zurechtfinden müssen. Realität für die Verschleppten blieb: 40 Jahre mussten sie in der Fremde als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter leben.

Realität wurde in Babylon aber auch: die Fremde wurde zum Ort der Gnade, des Bauens und Pflanzens: Die Heilige Schrift Israels, unser Altes Testament, wurde wesentlich in Babylon konzipiert. Nach 40 Jahren wurde neu gepflanzt im Land der Verheißung mit denen, die als Freigelassene heimkehren konnten. Gott aber hat sich gegenüber den Verschleppten in Babylon als gnädiger Richter und als Retter erwiesen und hat mit ihnen sein Werk auf Erden fortgesetzt.

Als gnädigen Richter und Retter für alle Menschen hat Jesus von Nazareth Gott bekannt und verkündet. Den frommen Nikodemus klärt Jesus über Gott so auf: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“ (Joh 3) Auf diese knappe Formel lässt sich das Wollen Gottes bringen: Er will retten. Ein grenzenloses, umfassendes Rettungswerk Gottes ist das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi. Es umgreift Menschen aller Zeiten und aller Völker. Es gilt für alle Tage unseres Lebens. Einen gesegneten Tag Ihnen allen!

Audiobeitrag Bauen und nicht verderben, pflanzen und nicht ausreißen


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