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Typisch!
Beinahe hätte ich meinen Zug verpasst. Es ist Viertel nach sieben, ich bin auf dem Weg zur Arbeit. Ich hechte durch die Tür, finde zum Glück noch einen Stehplatz.
Die Bahn ist rappelvoll, wie immer.
Heute sind besonders viele Krawattenträger unterwegs. Nur neben mir steht dieser Penner rum: schmierige Haare, Fahrrad mit ein paar Plastiktüten am Lenker, leere Bierflaschen auf dem Gepäckträger. Der ist aber ganz schön früh von der Parkbank gefallen, denk ich.
An der ersten Haltestelle mache ich Platz für die, die aussteigen wollen. Und da sehe ich es: Der Mann neben mir liest einen Fachaufsatz über den schottischen Philosophen David Hume. Die Überschrift: Wie kann Gott so viel Leid in der Welt zulassen?
Tja, so kann man sich täuschen. Ich hab fest damit gerechnet, dass er tagsüber vorm Bahnhof sitzt und die Hand aufhält. Aber dass er sich für wissenschaftliche Texte interessiert, da wäre ich nicht im Traum drauf gekommen. Ich hab den Mann neben mir komplett falsch eingeschätzt. Ganz automatisch.
Immerhin hab ich was Wichtiges dabei gelernt. Entscheidend ist nicht, was ein Mensch hat oder wie er aussieht. Entscheidend ist, was ein Mensch tut. Eins hab ich mir deshalb für die Zukunft vorgenommen: Ich will es so machen wie Gott. Der sieht die Menschen so, wie sie wirklich sind. Er sieht sie mit den Augen der Liebe.
Sprecher: Michael Birgden
Typisch!
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