Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.08.09, Antje Borchers

Die Vorgeschichte

Jeder Mensch hat seine Geschichte. Und diese Geschichte besteht aus vielen kleinen Geschichten: vor allem den Alltagsgeschichten,

dazwischen gibt es aber die strahlenden Geschichten. Die man immer wieder gern erzählt. Auch Simon Petrus, einer der Jünger von Jesus, hat solche strahlenden Geschichten erlebt. Ich stelle mir vor, wie bei einem Familientreffen seine Enkelin gefragt hat: „Großvater, erzähl doch noch mal, wie das mit Jesus losging.“ Und Simon Petrus schaut zuerst seine Enkelin an und sieht dann versonnen zurück. Zurück zum Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

 „Weißt du“, sagt Simon Petrus zu seiner Enkelin, „wir hatten damals schon eine Menge von Jesus gehört. Viele waren verrückt nach ihm. Wo er ging und stand, sammelten sich die Menschen um ihn. Wenn er in unseren Gotteshäusern aus den Heiligen Schriften vorlas und seine Gedanken dazustellte, dann hingen alle an seinen Lippen.

Einmal, das weiß ich noch, das breitete sich damals wie ein Lauffeuer in der ganzen Gegend aus, da las Jesus in der Stadt Nazareth, in der Synagoge, aus dem Buch des Propheten Jesaja vor: Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, um gute Nachrichten zu verkünden. Gott hat mich gesandt, den Gefangenen zu predigen: Ihr seid frei. Den Blinden: Ihr sollt sehen können. Den Zerschlagenen: Ihr sollt frei und ledig sein. Ich verkündige euch das Gnadenjahr des Herrn. – Und dann sah Jesus hoch, schloss das Buch des Propheten und sagte zu den Umsitzenden: ‚Heute ist dieses Wort der Heiligen Schrift vor euren Ohren erfüllt.’ – Hwwwoah, das saß. Erst waren die Leute sprachlos… Dann redeten alle durcheinander: ‚Wie kann er das sagen? Er ist doch nur Jesus, der Sohn vom Zimmermann Joseph!?!’ Sie regten sich immer mehr auf. Am Ende waren sie so wütend, dass sie Jesus aus der Synagoge rausdrängten, raus aus der Stadt Nazareth, bis an den Abhang des Berges, auf dem Nazareth stand. Sie wollten ihn den Berg runterstürzen…

Aber sie schafften das nicht. Jesus entzog sich ihnen irgendwie. Jesus ging mitten durch die Menge weg. Später… ließ er sich gefangen nehmen und ans Kreuz nageln. – Ich habe oft darüber nachgedacht, warum sie ihn da in Nazareth nicht umbringen konnten und später ließ er es doch zu!?

Inzwischen denke ich: Nazareth war nicht die richtige Bühne und nicht der richtige Zeitpunkt. Nazareth, das war ganz am Anfang seines Wirkens, das war sozusagen erst die Ouvertüre zu seinem großen Stück, Überschrift: ich, der Gesalbte Gottes.“ – Petrus sieht seine Enkelin an: „Weißt du, was das heißt!?! Er war der, auf den wir gewartet hatten, den die Propheten angekündigt hatten, der Bevollmächtigte, mit dem Gott seine Welt gestalten will. Eine Welt, in der die Menschen frei sein sollen, in der Gnade herrschen soll. – Ja. Und genau das passte vielen nicht in den Kram. Aber Jesus konnte ja nicht gleich nach der Ouvertüre schon umgebracht werden. Sein Stück hatte schließlich mehrere Akte.“

 „Großvater“, unterbricht ihn die Enkelin, „nun erzähl aber, wann hast du ihn kennen gelernt?“ – „Bald. Bald danach. Doch du musst diese Ouvertüre kennen, sonst verstehst du nichts von allem, was nachher kommt. Jesus war der Bevollmächtigte Gottes. Und als ich ihn das erste Mal sah… – Doch warte, heute ist es schon spät. Davon erzähle ich dir morgen.

Audiobeitrag Die Vorgeschichte


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen