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Gottes Schwäche macht uns stark
Sprecher:Wir danken sehr für Ihr Interesse. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir uns für einen anderen Bewerber entschieden haben.
Wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihren weiteren Lebensweg.
Autorin: Wie viele Menschen lesen das, die sich um einen Arbeitsplatz beworben haben. Ohne Erfolg. Andere waren offensichtlich besser. Konnten sich besser ins rechte Licht setzen und ihre Stärken gekonnt präsentieren. Der ersehnte Job wieder in weite Ferne gerückt. Es ist wahrlich nicht leicht, beruflich Fuß zu fassen.
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ich bin Doris Damke, Oberkirchenrätin der Evangelischen Kirche von Westfalen in Bielefeld. Ich habe einen Arbeitsplatz. Einen guten sogar. Er entspricht meinen Fähigkeiten und Begabungen. Er füllt mich aus, regt mich an und motiviert mich jeden Tag neu, das zu gestalten, was von mir erwartet und mir auch zugetraut wird.
Lese ich manche Stellenanzeigen in den Zeitungen, dann komme ich ins Grübeln. Wenn ich mir vorstelle, ich sollte mich darauf bewerben, welche Chancen hätte ich wohl? Angenommen, ich hätte alle fachlichen Voraussetzungen, natürlich werden brillante, zumindest aber überdurchschnittliche Kenntnisse im Fachgebiet erwartet , könnte ich auch bei all dem anderen noch bestehen, was da verlangt wird? Bin ich flexibel, kommunikationsfähig, teamorientiert, begeisterungsfähig? Habe ich eine hohe soziale Kompetenz und einen reichen Erfahrungsschatz? Ganz abgesehen von den geforderten perfekten Fremdsprachen- und Computerkenntnissen.
Würde ich allein daran gemessen, was auf dem bedruckten Papier verlangt wird, müsste ich verzagen. Und damit bin ich nicht allein. Eine Zeitlang können wir uns den Anstrich von Perfektion geben, aber das halten wir nicht lange durch. Wir wissen ja selbst, wie es in uns aussieht. Da gibt es Schwächen und Fehler, Kenntnislücken und Versagensängste.
Aber können wir auch dazu stehen? In einem Vorstellungsgespräch, zu dem ich eingeladen bin, um einen Arbeitsplatz zu finden, jedenfalls nicht so ohne Weiteres. Da habe ich meine Vorzüge und Kompetenzen ins rechte Licht zu setzen. Schwachpunkte ehrlich zugeben das ist verpönt. Da muss ich selbst Schwächen tapfer noch als Stärken verkaufen.
Aber was ist, wenn die Fassade einmal Risse bekommt? Was bleibt auch für die vielen Menschen, die der gesellschaftliche und berufliche Erwartungsdruck überfordert? Die ihren Arbeitsplatz verlieren oder zwischen den Mühlen der Konkurrenz zerrieben werden? Und wie ist das bei denen, die durch Krankheit, Unfall oder Alter mit der Erfahrung der eigenen Schwäche zurechtkommen müssen?
Choral: EG 600 Meine engen Grenzen
Vor etlichen Jahren, als ich in eine Gemeindepfarrstelle eingeführt wurde, hat mir ein Freund und Kollege ein Wort des Apostels Paulus mit auf den Weg gegeben:
Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwächen mächtig.
Seitdem ist diese Zusage Gottes für mich Wegweiser durchs Leben auch im Umgang mit meinen Stärken und Schwächen. Vor allem deshalb, weil Paulus ein glaubwürdiger und überzeugender Lehrer in diesen Fragen war. Sein Satz aus dem 2. Korintherbrief (12,9) ist nämlich kein Spruch fürs Poesiealbum. Dazu ist er viel zu erfahrungssatt, auch wenn ich ihn auf den ersten Blick nicht sofort mit diesem Paulus zusammenbringe. Mein Paulus steht mir eigentlich so ganz anders vor Augen. Denn wir wissen recht viel von ihm. Er ist der Schreiber der ältesten Texte des Neuen Testaments. An viele Gemeinden hat er Briefe geschrieben. Und die Apostelgeschichte erzählt von ihm. Aus allem erfahre ich: Paulus hat viele Gesichter. Er ist eine faszinierende und herausfordernde Persönlichkeit der frühen Kirche, ein brillanter Denker und Lehrer. Vertraut mit den philosophischen Strömungen seiner Zeit. In Tarsus als Jude aufgewachsen. Dann wird er plötzlich ganz neu von Gott ergriffen, lernt Jesus Christus kennen und ihm vertrauen. Aus Saulus wird Paulus. Ein österlicher Mensch. Tod und Auferstehung Jesu Christi wird sein Thema. Er entfaltet es immer eindringlicher und immer wieder neu. Als Lehrer und Prediger, Gemeindegründer, als väterlicher Freund und souveräner Denker. Auch als Visionär.
Also als jemand, für den die neue Welt Gottes bereits inmitten der alten Welt angebrochen ist. Dafür steht für ihn der gekreuzigte und auferstandene Christus. Im Glauben an ihn haben wir schon jetzt Anteil an dem Leben, das Gott für uns bereithält. Zeitlich und ewiglich. Manchmal war Paulus wohl auch Pastor und Seelsorger. Seine Briefe richten sich an konkrete Gemeinden, die sich über strittige Fragen des Glaubens verständigen mussten. Ihnen wollte er Wegweisung geben, Mut machen, sie im Glauben bestärken und Fehleinschätzungen korrigieren. Paulus war Einzelkämpfer und Teamplayer zugleich. Er war ein erfolgreicher Missionar, für den sein Beruf zugleich Berufung war. Aber er kannte auch die Schattenseiten des Lebens: Gefängnisaufenthalt und Schläge, ja sogar Todesangst hat er ausgestanden. Er war verhöhnt worden, hatte Schiffbruch erlitten, war in Gefahr unter falschen Brüdern gewesen. Und er hatte ein persönliches Leiden, von dem wir nicht genau wissen, um welche Krankheit es sich handelte. Paulus schreibt von einem Pfahl im Fleisch, der ihm offenbar schwer zu schaffen machte.
In ihm haben viele Stärken ihren Platz und manches eben auch nicht. War er auch nicht der integrative Gemeindeleiter, der beeindruckendste Kommunikator, der brillante Organisator und der strategische Missionar, eine faszinierende und herausfordernde Persönlichkeit war er gewiss. Und es mangelte ihm nicht wie wir heute sagen würden an einer großen Ich-Stärke. Er hatte ein gesundes Selbstbewusstsein. Dennoch schreibt er auch oft von seiner Schwachheit.
Würde der Apostel Paulus sich heute mit einem solchen Schwächeeingeständnis auf eine leitende Position in einer kirchlichen Stellenausschreibung bewerben, er würde vermutlich abgelehnt. Doch Paulus hat gehört:
Sprecher: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwächen mächtig.
Autorin: Das ist seine Antwort auf die Frage, wie er mit dem Leid in seinem Leben fertig werden konnte, ohne daran zu verzweifeln. Zu dieser Antwort hat sich aber auch Paulus durchgebetet, bis er sie von Gott erhielt:
Sprecher: Dreimal habe ich zum Herrn gefleht, dass er mich vom meinem Pfahl im Fleische befreie, doch er hat mir gesagt. Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.
Autorin: Ist das nicht paradox? Die Schwachheit als der Ort, wo Gott seine Kraft erweist? Es ist dann nicht paradox, wenn Paulus auf den schaut, dem er sich und sein Leben verschrieben hat und von dem er unermüdlich und unerschrocken Zeugnis gibt: Jesus Christus. In der Schwachheit seines Leidensweges, die ihn unter dem Kreuz, das er tragen muss, zusammenbrechen lässt, in seinem Sterben am Kreuz, da erweist sich letztlich Gottes Kraft. Es ist die Kraft, die so stark und so mächtig ist, dass sie selbst den Tod überwindet. In der Auferweckung Jesu Christi hat sie sich gezeigt. Auch für uns. Und darum dürfen wir die Antwort Gottes an den flehenden Paulus auch für uns hören:
Sprecher: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Autorin: Wörtlich übersetzt lautet es übrigens: Meine Gnade genügt, reicht aus, ist genug für dich! Das klingt noch deutlicher, noch stärker. Gott spricht: Meine Gnade reicht aus, sie ist genug für dich! Gott lässt uns diese Zusage, dieses Trostwort ausrichten, weil er eine Schwäche für uns hat. Ja, Gott hat eine Schwäche gerade für seine schwachen und verzagten Menschen. Die Evangelien sind voll von Geschichten, die darüber Zeugnis geben. In Gottes Namen hat sich Jesus Christus besonders den Armen, Kranken, Schwachen und Verzagten zugewandt. Eben weil Gott eine Schwäche für sie hat. Ich könnte ebenso sagen: weil Gott sie liebt. Denn lieben heißt: eine Schwäche für jemanden haben.
Musik
Autorin: Paulus gewinnt seinen inneren Halt nicht aus einem starken Willen, mit dem er seine Schwächen bezwingt. Er hält sich einfach an Gottes Zusage. Er weiß, Gott sieht mich mit den Augen der Liebe. Und wer mit einem liebenden Blick auf andere sieht, der findet sie schön. Gottes Kinder sind schön. Auch wenn sie Fehler haben, Schwächen zeigen, versagen, Sünder sind, wie die Bibel es nennt. Darum hat Martin Luther gesagt: Sünder sind schön, weil sie geliebt werden. Sie werden nicht etwa geliebt, weil sie schön sind. Anders herum: Sie werden schön, weil sie geliebt werden. Das verleiht ihnen Glanz und Würde, trotz aller Flecken auf der Seele und persönlicher Schwächen.
Sprecher: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Autorin: Der Schlüssel, aus dieser Zusage zu leben, ist das Vertrauen, das Gottvertrauen, der Glaube an den, der mich mit den Augen der Liebe sieht. Nur so kann Paulus schreiben:
Sprecher: Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.
Autorin: Nirgends ist uns Christen in der Bibel gesagt: Seid schwach! Im Gegenteil. Oftmals lesen wir in der Bibel die Aufforderung, Seid stark!. Und wir erfahren auch wozu:
Sprecher: Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark! (1.Kor 16,13) Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. (Eph. 6,10)
Autorin: Gottes Mühlen mahlen nicht nur anders. Auch Gottes Maßstäbe sind anders. Und wer sich die zu eigen macht, hat einen klaren Vorteil. Er muss nicht alles können. Muss nicht perfekt sein. Kann mit dem Gottvertrauen leben, dass er das Bewerbungsgespräch vor ihm schon bestanden hat. Daraus lässt sich Lebenskraft und Zuversicht schöpfen, auch wenn wir die Grenzen unserer eigenen Kraft immer wieder schmerzlich erfahren.
Lass dir an meiner Gnade genügen
lässt Gott uns ausrichten. Ich wünsche mir und Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, dass uns das gelingt. Heute am Sonntag, dem letzten Tag der Ferienzeit, vor allem an den Werktagen der beginnenden Woche mit ihren neuen Anforderungen und Herausforderungen. Es grüßt Sie herzlich Doris Damke, Oberkirchenrätin der Evangelischen Kirche von Westfalen.
Choral: EG 447, 1+8 (Treib unsern Willen, dein Wort zu erfüllen, hilf uns gehorsam wirken deine Werke; und wo wir schwach sind, da gib du uns Stärke. Lobet den Herren.)
Gottes Schwäche macht uns stark
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