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Fremd schämen
Jeder von uns kennt sie, die Scham, sich zu schämen, verbunden mit Symptomen wie Herzrasen, Schweißausbrüchen und hochrotem Kopf. Doch kennen sie auch das sich fremd schämen?
Ja, sie haben richtig gehört. Soll heißen, einer, der sich eigentlich schämen müsste, schämt sich nicht. Dafür schämt sich ein anderer. Auslöser können private oder intime Bekenntnisse in Nachmittagsshows sein, aber auch das rüpelhafte Benehmen von Landsleuten im Ausland. Laut Mannheimer Duden-Redaktion wurde über solche Erlebnisse im vergangenen Jahr so oft berichtet, dass das fremd schämen fester Bestandteil nicht nur des Gefühlslebens- sondern auch der deutschen Sprache geworden ist. In der 25. Ausgabe des Wörterbuchs wird es erstmals zwischen Fremdmitteln und Fremdsprache stehen. Zum Phänomen heißt es lapidar: sich für die Fehler anderer schämen.
Wer mehr wissen will, muss selbst forschen. Und landet schnell bei Adam und Eva, den wahrscheinlich einzigen Menschen, die kein Schamgefühl kannten. Sie liefen nackt herum, ließen es sich gut gehen, lebten im jetzt. Paradiesisch war das, doch es währte nur solange, bis sie vom Baum der Erkenntnis aßen. Plötzlich wussten sie, dass es gut und böse gab. Merkten, dass sie nackt waren, versuchten sich zu verstecken und machten sich Schürzen aus Feigenblättern.
Adam und Eva haben wir also die Scham zu verdanken, aber auch ein paar kluge Gedanken dazu. Nämlich: Scham hat mit Erkennen zu tun; mit dem Erkennen der eigenen Person, dem Wissen um Empfindungen und Meinungen anderer, um Verfehlungen und um Intimität.
Keine Frage; Scham ist unangenehm, aber sie hat auch ihr Gutes. Sie sensibilisiert. Sie macht unmissverständlich klar. Hier ist etwas, was ich nicht zeigen will, etwas Privates. Hier stecke ich in einer Situation, in der ich mich verletzlich fühle. Da sind Menschen, vor denen ich mich schützen sollte.
All das kann und will die Scham. Und - um es kurz zu machen - die Fremdscham kann es nicht. Fremdscham führt nicht dazu, dass sich jemand schützt. Es ist geradezu absurd. Derjenige, für den vielleicht gerade Tausende Menschen vorm Fernseher stellvertretend erröten, erfährt ja gar nicht, dass anderen sein Verhalten so nahe geht. Das heißt: auch die Chance zur Reflektion ist gleich Null.
Sicher: Fremdscham zeigt eine Schieflage auf, unterschiedliche Moralvorstellungen treffen aufeinander. Nur: wer sich fremd schämt, greift nicht ein. Fremdscham schlägt die Augen nieder, wenn es peinlich wird oder ergötzt sich an der Peinlichkeit anderer?. Aber wem nutzt das? Niemandem.
Statt also das heimliche Fremdschämen weiter zu kultivieren, wünsche ich mir ältere Formen der Scham zurück. Einmal die meiner Oma. Da muss man sich vor den Leuten schämen, hat sie mir angesichts meiner Flickenjeans erklärt. Oma legte die Fremdscham offen, wir konnten reden. Und auch die andere Variante ist offensiv. Zu sagen, was man denkt, nämlich:Sie sollten sich schämen. Dann wird auch Fremdscham garantiert das, was Scham schon seit Adam und Eva ist , , ein Startsignal zur Auseinandersetzung. Zu schauen, wo sind meine eigenen Grenzen und die anderer, um sich und andere vor Verletzungen zu schützen.
Fremd schämen
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