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Aufbruch und Schiffbruch
Die Entscheidung fiel schwer, aber die Not war groß. Wie bei so vielen Menschen in Deutschland. Es war heute vor gut 150 Jahren.
Die Familie Vollmer im Nordhessischen beschloss den Aufbruch nach Amerika. Lange hatten sie bei Kerzenschein Abend für Abend im Familienrat zusammen gehockt und beraten. Dann hatte der Vater Vollmer auf den Tisch gehauen und entschieden:
Sprecher: Wir gehen. Und wir tun das vor allem für die Zukunft unserer Kinder.
Es war die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Und die Hoffnung auf mehr Wohlstand als das in der kargen Heimat je möglich sein würde. Für die Reisekosten verkaufte Familie Vollmer ihre kümmerliche Hütte, die wenige Habe, den bisschen Schmuck, den sie hatten, und brach auf: Die beiden Eltern und vier Sprösslinge, im Alter von sieben bis 17 Jahren. Dazu die Schwester der Mutter mit ihren zwei Kindern.
Es war das Jahr 1854. Die Passagierschifffahrt war eine höchst unsichere Angelegenheit. Schon die Flussfahrt über die Weser nach Bremerhaven war eine Weltreise und dauerte Tage. In Bremen lag die Dreimastbark Johanne vor Anker. Das Boot war nagelneu, eigens gebaut für die raue Fahrt über den Atlantik. Familie Vollmer stieg an Bord mit 207 weiteren Passagieren.
Sprecher: Leinen ab! Schiff ahoi!
Voll besetzt stach das Schiff in See. Ein letzter Blick. Die Heimat blieb zurück. Die Johanne hatten gerade die Wesermündung verlassen und segelte hart auf Helgoland zu, da erhob sich ein Sturm. Er sollte drei lange Tage und drei lange Nächte dauern. Und endete mit Schiffbruch vor Spiekeroog. Von den 216 Menschen an Bord überlebten 130, die sich auf die Insel retteten. Von Familie Vollmer nur die beiden Eltern. Die Kinder wie die Schwester der Mutter ertranken in den Fluten.
Eine Familientragödie, die einem auch 150 Jahre später noch die Worte nimmt. Von Vater und Mutter Vollmer verliert sich jede Spur. Ihre Namen tauchen auf keiner Passagierliste mehr auf. Sie haben den Versuch nach Amerika wohl nicht gewagt.
Doch ihr Schicksal bleibt im Gedächtnis. Der Pfarrer von Spiekeroog begrub alle geborgenen Toten auf einem eigens angelegten Friedhof in den Dünen. Mitten zwischen den Gräbern stellte der Pfarrer ein eisernes Kreuz auf mit den Namen der Toten. Und er nannte diesen Ort Friedhof der Ertrunkenen und Heimatlosen.. Der Ort ist heute noch dort zu sehen. Auf dem Kreuz ließ der Inselpfarrer ein Wort von Jesus anbringen:
Sprecher: Jesus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Den Satz hat Jesus seinen Jüngern mit auf den Weg gegeben, als diese nicht mehr wussten, was sie glauben und hoffen sollten. Trotzig steht dieses Bibelwort dort, nah am Meer, mitten im Dünensand. Ein Wort gegen die Erfahrung unvorstellbaren Leids. Auch ein Wort der Erinnerung an Menschen, die ansonsten vergessen worden wären. Und für uns heute ist ein Wort der Hoffnung, dass Menschen, was im Leben auch passiert, zumindest bei Gott Heimat finden und behalten.
Aufbruch und Schiffbruch
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