Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.08.09, Pfarrer Albrecht Philipps

Kleines Boot

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Als Jesus mit seinen Jüngern unterwegs ist, kommen viele Leute zu ihm. Sie haben gehört: er ist ein besonderer Mensch.

Er heilt Kranke. Er bezwingt unreine Geister, von denen Menschen besessen sind. Er spricht von Gott so, dass sie es mit ihren Herzen begreifen. Dass Jesus so populär war, das war für ihn auch anstrengend. Vom Beginn seiner Tätigkeit in Galiläa wird daher berichtet:

Sprecherin: „Jesus entwich mit seinen Jüngern an den See. Und er sagte zu ihnen, sie sollen ihm ein kleines Boot bereithalten, damit die Menge ihn nicht bedränge. Denn er heilte viele, sodass alle, die geplagt wurden, über ihn herfielen, um ihn anzurühren.“ (Markus 3,7.9.10)

Die, die mit Jesus durch Galiläa ziehen, sollen dafür sorgen, dass er sich zurückziehen kann. Er bittet sie, ein kleines Boot bereitzuhalten, für den Fall, dass die Menge der Menschen ihn zu sehr bedrängt. Ein kleines Boot zum Ausweichen, zum Rückzug, zum Schutz. Weil abzusehen ist, dass es wieder ein großes Gedränge geben wird, lässt Jesus vorsorgen, um in dieser Menge nicht unterzugehen.

Dieses kleine Boot ist ein bemerkenswertes Detail. Ich stelle mir vor, wie es da im Wasser liegt, ein einfaches kleines Ruderboot. Jesus braucht es, um sich zurückziehen zu können, um Zeit für sich und für Gott zu haben. Er darf sich nicht verzehren lassen. Er muss den vielen Händen, die nach ihm greifen, auch ausweichen können. Dafür wird ein kleines Boot am Ufer bereitgehalten, mit dem er sich schnell von der Küste und von den Menschen entfernen kann.

Haben Sie auch solche kleinen Boote, die schon bereitliegen, damit sie sich einmal zurückzuziehen, wenn Ihnen alles zu viel wird, wenn Ihnen alles über den Kopf wächst? Orte, an denen Sie zur Ruhe kommen können und Kraft bekommen. An denen Sie Abstand bekommen zu dem, was Sie herausfordert. Ich glaube, wir brauchen solche kleinen Boote, die bereitliegen, auf die wir uns zurückziehen können. Nicht, um immer dem zu entfliehen, was sich uns als Aufgabe stellt. Sondern gerade um ganz im Augenblick leben zu können und nicht immer schon zum nächsten Ereignis, zum nächsten Gedanken, zur nächsten Eindruck zu hetzen. Zu den wichtigsten Übungen der christlichen Mönche seit den ersten Jahrhunderten gehörte daher die Einübung, ganz im Moment zu leben und sich auf den Augenblick zu konzentrieren. Nicht dem Augenblick zu entfliehen und in Gedanken schon ganz woanders zu sein.

Kommen wir noch einmal zurück zu dem kleinen Boot, das für Jesus See liegt. Das Leben von Jesus war kein seichtes, oberflächliches Dahinplätschern, sondern ein Leben mit Hingabe, Leidenschaft und Leidensbereitschaft bis zum Tod am Kreuz. Und schon in dieser Erzählung am Anfang, als Jesus um das kleine Boot bittet, wird deutlich, dass die Menschen ihn bedrängen. Schließlich, am Ende seiner irdischen Zeit, werden sie ihn so stark bedrängen, dass er sein Leben für sie geben wird. Noch aber braucht er dieses kleine Boot, um sich zu sammeln.

Dass das Leben nicht nur eine Abfolge von Augenblicken ist, sondern dass das Leben, wenn es erfüllte Zeit sein soll, auch Konzentration, Stille und Abgeschiedenheit braucht, das haben die Menschen damals von Jesus erfahren. Ich wünsche Ihnen, dass Sie solche kleinen Boote auch finden, mit denen Sie einmal ausweichen können, wenn Ihnen die Kraft auszugehen droht.

Audiobeitrag Kleines Boot


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