Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.08.09, Pfarrer Albrecht Philipps

Hermann Hesse

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer!Als er sechs Jahre alt war, schrieb er seine ersten Gedichte und als Zwölfjähriger wusste er,

dass er „entweder Dichter werden würde oder nichts“. Seine Eltern waren fromme Leute. Sie hatten andere Pläne mit ihm. Er sollte Pfarrer werden. Mit vierzehn Jahre schickten sie ihn in die evangelische Klosterschule nach Maulbronn. Dort sollte er sich auf das Theologiestudium vorbereiten. Dort aber wurde er bald als „gefährliches Element“ eingestuft. Unter der strengen Schulzucht hat er sehr gelitten. Nach nur 22 Wochen floh er aus der Schule, ein tiefes Zerwürfnis mit seinen Eltern war die Folge. Die Rede ist von Hermann Hesse, einem der beliebtesten und berühmtesten deutschen Schriftsteller. Gestern, am 9. August, war sein Todestag.

Wie viele andere Kinder, die in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen sind, kann auch Hermann Hesse seine geistige Heimat nie ganz verleugnen. Oft kämpft er – direkt oder indirekt – gegen den christlichen Schatten an. Seine Eltern haben beide biografische Beziehungen zu Indien. Hermann Hesses Mutter, Marie, war die Tochter eines Indienmissionars. Sein Vater Johannes Hesse war ebenfalls Missionar in Indien gewesen. So mischen sich schon in der Kindheit zwei Kulturbereiche, die für sein Werk als Schriftsteller entscheidend werden sollen: Der schwäbische Pietismus, das fromme Leben, die Ausrichtung von Herz und Hand auf Christus auf der einen Seite. Auf der anderen Seite der Einfluss der fernöstlichen Kultur und Philosophie Indiens.

Als Hermann Hesse alt geworden war, war er für viele Menschen ein Seelsorger. Täglich erreichten ihn viele Briefe mit persönlichen Anliegen, die er selbst beantwortete. Seine Augen waren schlecht geworden und ein unleserlicher Brief verbrauchte die Sehkraft eines halben Tages. Seine Briefe aber zeigen, wie sehr er vom christlichen Glauben durchdrungen war. So schreibt er einem Freund:

Sprecherin: „Sie teilen Ihr Wissen um die Existenz Gottes einem alten Manne mit, dessen Eltern und Großeltern nicht nur dem Namen nach, sondern in Leben und Tat Christen waren und ihr ganzen Leben in den Dienst des Reiches Gottes gestellt haben. Nicht ihr gepredigtes, sondern ihr gelebtes Christentum ist unter den Mächten, die mich erzogen haben, am stärksten gewesen.“

Sein wohl bekanntestes Gedicht trägt die Überschrift „Stufen“. Der Pilger, wie er sich selbst einmal beschrieben hat, durchschreitet in diesem Gedicht sein Leben wie man Räume durchschreitet.

Sprecherin:
Wie jede Blüte welkt
und jede Jugend dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in and're, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten!
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt,
so droht Erschlaffen!
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewohnheit sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden:
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

Audiobeitrag Hermann Hesse


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