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Talente um die Welt zu verändern
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Das kennen wir, das kennen wir zur Genüge: Menschen, die nicht säen und doch ernten. Das haben wir gerade wieder erlebt. Menschen, die mit dem Kapital anderer Geschäfte machen, Boni einstreichen und Millionen verdienen.
Die andere Seite, die kennen wir auch: Menschen, die weniger haben, verlieren das, was sie haben. Zunächst verlieren sie ihre Arbeitsstelle, weil ihre Firma durch die Finanzkrise in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten ist. Dann müssen sie die Eigentumswohnung verkaufen, natürlich mit Verlust. Und dann kommen sie nicht aus den Verpflichtungen heraus, die sie eingegangen sind, usw. usw.
Und jetzt dieses Gleichnis: Gott als Kapitalisten reinsten Wassers, der erntet, wo er nicht gesät hat. Das will ich mir nicht vorstellen.
Viel zu nah ist diese Geschichte an der Welt, wie sie ist, und viel zu weit weg von dem, wie ich mir das Reich Gottes vorstelle!
Jesus hat doch ganz andere Geschichten vom Reich Gottes erzählt. Zum Beispiel die Geschichte vom großen Gastmahl, zu dem alle eingeladen werden, auch die von den Hecken und Zäunen, die nichts oder nur wenig haben und die bei Gott nichts vorweisen können.
Das war Jesus doch immer wichtig, gerade den Benachteiligten hat er sich zugewandt. Und jetzt so eine Geschichte.
Und dann gibt der Herr seinen Knechten auch noch unterschiedlich viel. Dem einen gibt er fünf, dem andern zwei Talente Silber. Für den dritten Knecht bleibt nur ein Talent übrig. Muss der Dritte sich nicht fragen, warum ihm sein Herr weniger gibt? Traut er ihm weniger zu, als den beiden andern? Hier beginnt sein Zweifel!
Ich kann den dritten Knecht verstehen: Er ist vorsichtig. Er will nichts riskieren und am Ende alles verlieren. Schließlich hat er am wenigsten bekommen. Er ist ängstlich nicht faul wie Luther etwas grob übersetzt.
Er fürchtet sich vor seinem Herrn: Ich wusste, dass du ein harter Mann bist, sagt er. Du erntest, wo du nicht gesät hast und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast.
Aber schauen wir genau hin: Ein harter, unbarmherziger Herr ist dieser nur in den Augen des dritten Knechts. Gott ist kein harter Herr, der mehr fordert als er gibt. Gott ist einer, der gibt, der austeilt und zwar reichlich. So wie der Herr im Gleichnis: Der vertraut seinen Knechten sein ganzes Vermögen an.
Jedem seiner Knechte gibt er eine große Summe Geld. Zwar bekommt jeder unterschiedlich viel. Aber selbst der Dritte bekommt immer noch eine riesige Summe: Ein Talent Silber, das ist weit mehr als das Jahresgehalt eines damaligen Durchschnittsverdieners. Der Herr teilt also zunächst einmal an alle aus. Er gibt jedem Kredit.
- Ach, wenn das die Banken doch heute auch täten, Vertrauen wagen, Kredit geben; manches kleine Unternehmen und mancher Handwerksbetrieb müsste nicht in die Insolvenz gehen. - Doch, was der Herr seinen Knechten gibt, ist mehr als nur ein Kredit. Kredit bekommt der, der Sicherheiten bieten kann. Dieser Herr gibt den Knechten sein Vermögen auf Vertrauen hin. Keiner geht leer aus! Jedem traut er zu, etwas daraus zu machen.
Es ist kein Zufall, dass im Urtext das Wort talentos steht, also Talent. Ursprünglich war das Talent eine Geldeinheit und zwar für große Summen. Zum Beispiel rechneten Kaufleute und Reeder eine Schiffsladung in Talenten ab. Oder die Steuer einer Provinz wurde in Talenten angegeben.
Jeder von uns hat Talent mitbekommen. In jedem von uns hat Gott Talente angelegt. Wir sollen sie aber auch entdecken und einsetzen.
Die Gabe der Musik zum Beispiel, die nicht jeder hat. Aber wer sie besitzt, muss kein Virtuose sein, um sich und andern Freude zu machen. Oder die Gabe, sich in Menschen einfühlen zu können, nicht gleich mit guten Ratschlägen zu kommen und doch am Ende Worte zu finden, gute Worte, die treffen und helfen.
Keiner sollte die vielen Gaben unterschätzen, die sich im Stillen äußern, und die doch unendlich viel Gutes bewirken, Zerbrochenes heilen und Schweres tragen helfen. Entdecke dein Talent und dann setze es ein. Du musst keine Angst haben, etwas zu verlieren. Deine Gabe wird nicht weniger dadurch, dass du andere daran teilhaben lässt.
Vergrab sie nicht, dafür hat sie dir Gott nicht gegeben. Nutze dein Talent, um die Welt heller, lebenswerter, menschlicher zu machen!!! Ja, die Talente sind unterschiedlich verteilt. Das ist vielleicht schwer zu verstehen. Der Herr gibt jedem Knecht nach seiner Kraft, das heißt, nach seinen Möglichkeiten. Offenbar schätzt er die Fähigkeit seiner Knechte unterschiedlich ein.
Aber wichtiger ist: Gott hat jedem Talent mitgegeben. Egal ob ein, zwei oder fünf. Wer will Talente schon zählen oder messen? Talent ist das, was hilft, was verbindet, was zur Versöhnung beiträgt. Talent ist all das, was die Welt verändert hin auf Gottes neue Welt!
Orgelmeditation
Talente sind das, was die Welt dem Reich Gottes näher bringt. In der alten Kirche hat man in den anvertrauten Talenten vor allem Gottes Wort gesehen. Also etwas, das von außen kommt, das nicht schon in uns angelegt ist. Wir müssen also das, was mit den anvertrauten Talenten gemeint ist, noch weiter fassen: Talent, dazu gehört auch Gottes guter Geist, der uns begleitet und aufmuntert, die vielfältigen Erfahrungen im Glauben, die Gott uns schenkt und die den Glauben wachsen lassen, auch und gerade, wenn wir mit unseren eigenen Möglichkeiten an Grenzen stoßen.
Jesus hat seine Jünger nicht nach ihren Fähigkeiten ausgesucht: Ich denke an Petrus. Er sitzt in seinem Boot, müde von der Arbeit in der Nacht, enttäuscht von der Ausbeute des nächtlichen Fischfangs, den Kopf voller Sorgen. Da kommt Jesus und bittet ihn, ein Stück vom Ufer auf den See zu fahren, so dass er besser zu den Menschen sprechen kann. Petrus tut ihm den Gefallen und rudert ein Stück hinaus.
Er hört Jesus predigen. Er erlebt die Macht seiner Worte. Er selbst traut Jesu Worten und macht die Erfahrung eines wunderbaren Fischfangs. Aber als er erkennt, wen er vor sich hat, fällt er vor Jesus auf die Knie und bittet: Geh weg von mir, Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch.
Aber gerade ihn beruft Jesus in seine Nachfolge. Aus ihm, dem erfolglosen Fischer Petrus, will Jesus einen Menschenfischer machen. Ihn und die andern Fischer, Zöllner und Sünder kann Jesus als Mitarbeiter am Reich Gottes gebrauchen. Jesus weckt etwas in ihnen. Sein Wort hilft ihnen auf die Beine. Sie entwickeln Talente, von denen sie vorher nichts wussten. Nicht wegen ihrer besonderen Fähigkeiten sind sie als Jünger geeignet, sondern weil sie seinem Wort vertrauen und sich von ihm verändern lassen.
Wir Menschen sind eine wunderbare Investition Gottes, trotz unserer Fehler und Schwächen. Gott hat so viel in uns angelegt. Und es wäre einfach schade, nein, mehr als schade, es wäre Sünde, diese Investition brach liegen zu lassen. Menschen entdecken in der Gemeinde Gottes, was sie können, Dinge, die sie sich selbst nicht zugetraut hätten. Sie leiten Kreise und moderieren Diskussionsrunden und wachsen über sich hinaus.
Jugendliche, die im Konfirmandenunterricht still oder etwas schwierig waren, machen im nächsten Jahrgang mit im Team und begleiten die neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden; sie sind eine echte Bereicherung und Hilfe. Vor allem aber spüren sie, was vielen Jugendlichen fehlt, sie spüren, dass gerade ihr Talent gebraucht wird und dass sie Verantwortung übernehmen können.
Mit den Talenten ist es wie mit einem Chor. Es gibt immer Stimmen, die etwas stärker und sicherer sind als die der anderen. An diese Stimmen kann man sich anlehnen. Das ist gut so und jeder Chor braucht solche Leute. Aber nur zusammen mit den andern Stimmen ergibt sich der volle, schöne Klang.
So ist das mit den Talenten auch. Sie sind uns gegeben, damit wir sie gebrauchen und füreinander einsetzen. Damit unsere Talente dem dienen, wozu wir sie bekommen haben, nämlich die Welt, dem Reich Gottes näher zu bringen.
Orgelmeditation
Der dritte Knecht geht mir nicht aus dem Kopf. Er vergräbt sein Talent aus Angst es zu verlieren. Ich kenne diesen Knecht. Es ist die Stimme, die mir sagt: Guck mal, was die andern alles können! Und was kannst du? Die andern können viel mehr. Und was sie können, das können sie viel besser.
Martin Buber erzählt in seinen chassidischen Geschichten von einem Rabbi namens Sussja, der gern ein großer, bedeutender Gottesmann wie beispielsweise Mose wäre. Am Ende seines Lebens aber erkennt er: In der kommenden Welt werde ich nicht gefragt: Warum bist du nicht Mose gewesen? Die Frage wird lauten: Warum bist du nicht Sussja gewesen?
Liebe Gemeinde! Liebe Hörerinnen und Hörer! Wir müssen nicht etwas aus uns machen, was wir gar nicht sind. Wir müssen kein anderer werden, um Gott zu gefallen. Gott traut uns zu, dass wir wissen, wo und wie wir unsere Talente und Begabungen einsetzen können, damit die Welt nicht bleibt wie sie ist. Damit in der alten Welt etwas aufscheint und hinweist auf Gottes neue Welt.
Aber genau das ist die Schuld des dritten Knechts, seine Sünde. Er setzt sein Talent nicht ein, ja, er hat es nicht einmal versucht. Er vergräbt es einfach, behält es für sich, lässt es verkümmern. So steht er am Ende alleine da in der Finsternis, und ihm bleibt nichts als Heulen und Zähneklappern.
Er verliert sein Talent, weil er es nicht gebraucht. Aber so ist es: Wer sein Talent nur für sich behält, sei es aus Frucht, Eigennutz oder falscher Bescheidenheit, der steht am Ende alleine und mit leeren Händen da. Aber keiner soll am Ende allein in der Finsternis stehen, niemand soll heulen müssen und mit den Zähnen klappern.
Jesus ist gekommen, hat Finsternis, Einsamkeit, Angst und Tod auf sich genommen, damit die Angst ihre Macht verliert, und Egoismus und Eigennutz nicht die Lehrmeister unseres Lebens werden.
Jesus hat seine Gleichnisse erzählt, um Menschen Mut zu machen. Seine Gleichnisse erzählen nicht von perfekten Menschen, die fehlerlos durchs Leben gehen, sondern von Menschen, die angeschlagen sind, verletzt vom Leben und manchmal ängstlich, von Menschen, die weniger mitbekommen haben als andere und die Gott trotzdem, ja, sogar besonders brauchen kann und will. Von Menschen, die so sind wie der dritte Knecht.
Auch er hat ein Talent bekommen und soll es einbringen, sonst geht es verloren. Dann steht er am Ende mit leeren Händen vor Gott. Das darf nicht sein! Keiner muss einen Helden aus sich machen, Keiner muss ein Mose werden, um Gott zu gefallen.
Aber das sollen wir sein: Licht der Welt! Licht, das Jesus in uns entzündet hat.Licht, das in die Welt hineinstrahlt. Geh hinein zu deines Herrn Freude, bekommen die gesagt, die ihr Talent einsetzen. Gott freut sich daran, wenn wir unsere Talente gebrauchen. Wir können also damit nicht nur andern Menschen, sondern Gott selbst eine Freude machen.
Ist das nicht ein wunderbarer Gedanken: Gott eine Freude machen zu können? Sorgen machen wir ihm schon genug! Sich selber freuen können, ist eine schöne Sache. Aber noch schöner kann es sein, anderen eine Freude zu machen. Gott eine Freude zu machen, ist die allergrößte Freude, denn er hält seine Freude nicht für sich, sondern will sie mit uns teilen, damit am Ende für jeden gilt: Komm her und geh hinein zu deines Herrn Freude! Amen.
Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 20.09.2009 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Lutherkirche in Altena übertragen. Die Predigt hält Superintendent Albert Henz.
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