Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.08.09, Pfarrer Uwe Rieske

Bergerfahrungen - Vom Auf- und Absteigen

Autor: Ich bin abgestiegen, liebe Hörerinnen und Hörer, und es wird Sie vielleicht wundern, dass mich dies freut; aber ich bin zurück aus einem Bergurlaub

von einer Reise in die Alpen und bin wieder ganz unten, im Flachland. Voll von Eindrücken und Herzensbildern, die mich lange begleiten werden. Einen Berg zu bezwingen, einen Klettersteig zu bewältigen, der in große Höhen führt, ist nicht nur eine körperliche Herausforderung, die absolute Konzentration fordert. Es ist auch eine besondere geistliche Erfahrung. Von dieser Erfahrung möchte ich heute morgen erzählen. Ich bin Uwe Rieske und unterrichte als evangelischer Pfarrer an einem Mädchengymnasium in Bonn.

Musik

Autor: Mich faszinieren die Alpen, diese steinernen, hoch aufragenden, Jahrtausende alten Gebirgszüge. Schroff und majestätisch stehen sie da – unüberwindbar, abweisend und einladend zugleich. Je näher man ihnen kommt, desto genauer lassen sich Formen erkennen, unten Wiesen und Täler, darüber bewaldete Hänge und schließlich oberhalb der Baumgrenze grüne, dann graue Höhenzüge aus nacktem Fels, von vereinzelten Schneefeldern durchzogen.

Wer diese steinernen Riesen bezwingen will, muss sich sorgfältig vorbereiten. Jeder Weg auf den Berg beginnt mit dem Packen des Rucksacks und mit der Wahl der richtigen Ausrüstung. Kleidung für jedes Wetter gehört hinein, denn schnell schlägt das Wetter in den Bergen um.. Proviant gehört in den Rucksack und bei anspruchsvollen Touren auch Utensilien für den Klettersteig: Gurt, Karabinerhaken, Seil und Helm.

Berge sind besondere Orte; sie sind verbunden mit Geschichten und Geheimnissen. Auch viele besondere biblische Erzählungen haben auf Bergen ihren Ort. Auf dem Gottesberg Horeb im Sinai gab Gott sich dem Mose zu erkennen; hier erstmals entbirgt er sich

Sprecherin (1. Mose 3, 5ff): „Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt…“

Autor: Es ist kein Zufall, dass diese für Israel so bedeutende Geschichte auf einem Berg spielt. In vielen Völkern und Kulturen der Erde sind Berge heilige Orte. Auch der Gott Israels offenbart sich auf einem Berg.

„Zieh Deine Schuhe aus“ – damit beginnt eine folgenreiche Begegnung. Einen langen Weg hat Mose gehabt in seinen Schuhen bis hier oben, ein Aufstieg aus der Steppe auf felsigen Pfaden liegt hinter ihm. Mose erlebt: Berge sind faszinierende Orte für außergewöhnliche Erfahrungen, sie sind transparent für das Göttliche, das in der Höhe fühlbar wird und sich offenbart.

Sprecherin (1. Mose 3, 15): „Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: „Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!“, und sie mir sagen werden: „Wie ist sein Name?“, was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Der Ich-bin-da«, der hat mich zu euch gesandt.“

Autor: „Ich bin der, der ich sein werde“ oder der „Ich bin da“ – so will Gott genannt werden vom Volk Israel. Vor Moses’ Abstieg vom Gottesberg Horeb liegt eine Begegnung, die wegweisend ist für das Volk Israel. Gott ist ein Gott, der mitgeht – beim Aufsteigen in die Höhe ebenso wie beim Absteigen. Der Gott Israels ist ein Gott für Wegerfahrungen. Er sagt seine Nähe zu – in jedem Gelände, in der Höhe wie in der Ebene. Es ist seine Verheißung und sein Programm, Menschen im Unzugänglichen nicht allein zu lassen.

Musik:

Autor: Bergpfade brauchen besondere Aufmerksamkeit. Wer sie geht, muss sein eigenes Tempo finden, Kräfte einteilen. Den Steinen, die auf dem Weg liegen, den Wurzeln gilt es auszuweichen und guten, ebenen Tritt zu finden. Gleichmäßig setze ich meine Schritte, ziehe Stunde um Stunde bergan, in langen Serpentinen geht es hinauf. Die Straßen und Häuser im Tal werden kleiner, der Blick gleitet zu den umliegenden Berghöhen. Manche Gipfel liegen bereits unter mir. Hinter jeder Biegung wartet ein neues Landschaftsbild.

Seit einigen Jahren traue ich mich auf Klettersteige. Mit einer von einem Bergführer geleiteten Gruppe legen wir uns Gurte um die Hüften und sichern uns mit Karabinern gegen das Abstürzen. Klettersteige verlangen volle Konzentration, um in den Felswänden Halt zu finden. Im Fels verankerte Stahlseile sichern gefährliche Abschnitte. Ich klettere nicht allein. Zu zweit oder zu dritt achten wir aufeinander, weisen uns auf Felsnasen und Griffmöglichkeiten hin, die Halt bieten.

Am Berg begleitet mich Höhenangst. Jeder Meter im Klettersteig ist ein Triumph über meine Furcht. Blicke ich nach oben, scheinen wenige Meter über mir die Passagen unüberwindlich. Blicke ich nach unten, raubt mir die Tiefe der Atem. Aber bewege ich mich stetig und konzentriert, halte ich meine Angst in Schach. Ich lasse nicht zu, dass sie mich dominiert. Die Konzentration auf das Mögliche, auf den nächsten Schritt lässt sie kleiner werden. Ich entdecke mein Zutrauen in meine Kraft und Findigkeit. Ich komme voran. Ich entdecke, dass ich vertrauen kann. Mir selbst, dem Berg und dem Material. Aber die Kletterübung am Berg ist auch eine intensive Gotteserfahrung; führt nicht auch Er mich über Schluchten und durch unwegsames Gelände. Er lässt Menschen im Unzugänglichen nicht allein. Der Klettersteig ist eine Vertrauensübung, eine Prüfung.

Eine weitere biblische Berggeschichte handelt von einer besonderen Vertrauensprobe.

Sprecherin (1. Mose 22, 1-3):  Gott  versuchte Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija (Achtung: Betonung auf dem i!) und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde. Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.

Autor: Abraham ist unterwegs. Das Ziel dieses Bergweges ist eine Ungeheuerlichkeit, diese Aufgabe eine unvorstellbare Prüfung. Von welcher Seite man diese Geschichte auch betrachtet, es bleibt etwas Unzumutbares darin. Die Erzählung der vermeintlichen Opferung Isaaks macht deutlich, dass Gott keine Menschenopfer will – anders als manche Gottheiten der Umwelt Israels. Isaak soll leben und bleibt am Leben. Und dennoch: Diese Prüfung ist nur schwer mit dem Bild von einem barmherzigen und gütigen Gott zu vereinbaren, das die christliche Theologie zeichnet.

Und dennoch: Diese biblische Berggeschichte lässt nicht zu, das die anderen, die harten Wegerfahrungen, die eben auch mit Gott verbunden sind, ausgeblendet werden. Es gibt sie ja, diese unerträglich scheinenden Prüfungen, bei denen der Abschied vom Liebsten, das man hat, am Ende nicht abgewendet wird. Hält nicht mancher Lebensweg kaum zu bewältigende Verlusterfahrungen bereit, die in fassungslose Trauer stürzen? Und haben diese Wegerfahrungen nichts mit Gott zu tun?

Meine Klettersteigerfahrung führt mich nicht in eine solche Verlusterfahrung, aber an eine innere Grenze, an den Rand des Zumutbaren. Frei gewählt will ich in Regionen steigen, die ich mit aller Kraft und Konzentration gegen heillose Angst erobern muss, wenn auch durch Seil und Gurt gesichert; überwinde ich diese Herausforderung und meine Angst, wächst mir innere Unabhängigkeit zu, die ich bereits beim Absteigen spüre. Einen vergleichbaren Zuwachs an innerer Stärke erlebte ich bei der Verarbeitung von Leiderfahrungen. Wer Verluste erleidet und schmerzhafte Abschiede, kann möglicherweise am Ende eines langen Weges daran reifen. Ist Abrahams Bergweg nach Morija geleitet vom Wunsch nach innerer Stärke und Unabhängigkeit, die ganz und gar allein auf Gott vertraut? Vielleicht ist nur das letzte, vorbehaltlose Vertrauen auf Gott, das auch in der äußersten Prüfung Treue und Liebe bewahrt, in der Lage, innere Freiheit zu schenken.

Musik:

Autor: Bergerfahrungen können lebensverändernd wirken, können eine neue Orientierung geben. Mit jedem Abstieg von einem Berg ist eine neue Perspektive in meinem Herzen verankert. Ich habe die Dinge, die mich sonst umgeben, aus der Distanz und von oben betrachtet. Manches, das mich unten im Tal mit Macht beschäftigt, verliert seine Bedeutung auf dem Weg zum Gipfelkreuz.

Übrigens: Für mich sind diese Kreuze auf den Gipfeln der Alpen mit Bedacht gewählte Symbole für das Erreichen der Bergspitzen. Das Kreuz symbolisiert Tod und neues Leben. Es bedeutet einen Wechsel der Wegrichtung. Nun geht es nicht länger mühsam bergan. Hier oben öffnet sich der Blick in alle Richtungen. Mit neuem Weitblick im Herzen beginnt der Weg zurück in die Ebene des Alltäglichen.

Ist es ein Zufall, dass die beiden Geschichten, die von einer neuen Lebensorientierung für das Volk Israel und für das christliche Gottesvolk handeln, auf Bergen spielen? Die Zehn Gebote wurden auf dem Berg Sinai gegeben und die Bergpredigt Jesu handelt von einer Neuorientierung menschlichen Verhaltens und Lebens.

Sprecherin (Mat 5, 1-9): Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Autor: Liebe Hörerinnen und Hörer, wo spürt man Gott und seinen Willen deutlicher als auf einem Berg? Hier kommt das Himmelreich besonders nahe. Aber es geht der Bergpredigt nicht darum, zum Bergsteigen anzustiften oder große und besondere Höhenflüge anzuregen. Im Gegenteil. Was sie formuliert, ist ein Lob des Absteigens. Was Jesus auf dem Berg predigt, macht deutlich, dass die gelobt werden, die unten bleiben und das Niedrige weder scheuen noch verachten. Die Bergpredigt wendet sich denen zu, die ganz unten sind und sie formuliert ein Lob der Sanftmut, der Gerechtigkeitsliebe und der Friedfertigkeit. Zuweilen muss man ziemlich hoch steigen, um diese grundlegenden Qualitäten in ihrem Wert zu erkennen. Es ist keine Herablassung und keine Niederlage, einen Abstieg zu gehen, der dorthin führt, wo Gott uns haben will.

Ich wünsche Ihnen einen sommerlichen Sonntag, der Ihre Lebenskräfte auf die Weise stärkt, die für Sie gut ist und Ihnen neue Erfahrungen schenkt. Vielleicht ist dabei gar nicht entscheidend, ob sie diesen Sommersonntag im Flachland verbringen oder hoch hinaus kommen.

Aus der Rheinebene in Bonn grüßt Sie Ihr Pfarrer Uwe Rieske.

Musik:

Audiobeitrag Bergerfahrungen - Vom Auf- und Absteigen


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