Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.07.09, Pastor Christof Lenzen

Wellness für die Seele - das Weinen

Wann haben Sie das letzte Mal geweint? Ich hatte Phasen in meinem Leben, in denen die Tränen selten geworden waren. Irgendwann waren sie komplett versiegt.

Ich war seelisch trocken gelaufen. Schwere Zeiten der inneren Verhärtung. Gegenüber Menschen, vielleicht sogar gegenüber Gott. Eine gefährliche Zeit für die Seele. Denn Tränen sind Wellness für die Seele. „Ich habe keine Tränen mehr“ - das ist ein Warnzeichen ohne gleichen. Denn dann wird nach innen geweint und das verletzt und versalzt uns das Leben. Wann haben Sie das letzte Mal geweint?

Das Weinen wurde in der frühen Christenheit und im Mittelalter als gesundes Zeichen eines ganzheitlichen Glaubens gesehen. Tränen und Gebet - das zusammen war und ist ein Zeichen! Wenn das seelische Zentrum unseres Lebens unberührt bleibt, dann ist das so, wie wenn eine Fackel unangezündet bleibt. Die Fackel ist immer noch da, sie existiert - die Leuchtkraft aber fehlt...

Tränen in der Begegnung mit Gott sind ein Zeichen - kein untrügliches Zeichen wohlgemerkt, aber nichtsdestotrotz ein Zeichen - dafür, dass Gott dieses seelische Zentrum berührt hat. Sicherlich: Tränen können auch Masche sein, können Menschen emotional erpressen und man kann sich sogar in eine innere Leere hinein weinen. Und doch: wenn ich Menschen und Gesichter im Alltag beobachte, dann kann ich mich des Gefühls nicht erwehren: es wird zu wenig geweint und getröstet. Es wird zu viel nach innen geweint. Und die Gesichter werden hart und in sich gekehrt. 

Der kürzeste Vers der Bibel berührt mich bis heute tief. „Jesus fing an zu weinen“ (Johannes 11,35). Jesus weint beim Grab seines gestorbenen Freundes Lazarus. Er weint, weil er die Tränen der Welt spürt, die tief im Herzen verankerte Trauer der Menschen und die Ausweglosigkeit so mancher Träne. Kurz: Jesus weint, weil er deine Tränen sieht.

Mich rührt der weinende Jesus an - weil er meine Härte durchbricht. Weil ich endlich wieder weinen kann und diese Tränen bei ihm ein gutes Ziel finden. Tränen ohne Ziel laufen leicht ins Leere und wir bleiben bei uns selbst stehen. 

Einmal kommt eine Prostituierte zu Jesus und überströmt seine Füße mit Tränen des Kummers über ihr verpfuschtes Leben. Was macht Jesus? Er richtet sie auf, indem er sie als gleichwertig würdigt. Er befreit sie von ihrer Last, indem er Schuld von ihren Schultern nimmt. Ihre Tränen sind Samen des Lebens, der Kraft und der Liebe. Bei den Füßen Jesu werden die Tränen verwandelt.

Mich fasziniert das: Ich muss nicht frisch geduscht, fröhlich lächelnd und mit einem Leben unter Kontrolle zu diesem Vater-Gott kommen, den mir Jesus zeigt. Ich darf so kommen, wie ich bin. Und dann werden Tränen getrocknet und verwandelt.

Wann haben Sie das letzte Mal geweint? 

Audiobeitrag Wellness für die Seele - das Weinen


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