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Fahrradfahren und andere Unwägbarkeiten
Halt mich fest!, schrie mein Sohn. Schrei nicht, sondern tritt in die Pedale! rief ich zurück. Wir befanden uns in einer Ferienanlage in Holland.
Auf einer kleinen Zufahrtstraße übte mein Sohn gerade Fahrradfahren. Soeben hatte ich den Gepäckträger seines kleinen Fahrrads losgelassen und lief nun neben ihm her. Als er das merkte, bekam er es mit der Angst zu tun. Auf einmal selbst für sein Gleichgewicht verantwortlich zu sein, das traute er sich noch nicht zu.
Er hat in den nächsten Tagen noch ein paar Mal geschrien. Insbesondere als er einmal böse hinfiel. Zwischendurch habe ich mich gefragt, was wohl die anderen Urlauber denken mochten. Ein kleiner Junge, der um Hilfe schreit, und der Vater, der sich weigert, ihm zu helfen.
Aber nach zwei Wochen konnte ers halbwegs. Er war noch etwas unsicher und wackelig. Aber er konnte lenken und bremsen, stieg ab, ohne mit dem ganzen Fahrrad umzufallen und er hatte vor allem seine Angst verloren. Es machte ihm nun richtig Spaß, wie ein Großer fahren zu können, ohne Stützräder. Und ich dachte: Na prima, da haben wir doch richtig was geschafft!
In den letzten Urlaubstagen konnten wir sogar kleine Radtouren machen. Ich musste noch aufpassen und ihm sagen, wann er halten oder wenn er vorsichtig sein sollte. Aber das klappte alles ganz gut. Nur einmal schaffte er es irgendwie nicht, rechtzeitig zu bremsen. Ich war vorausgefahren, hatte an der Straßeneinmündung gehalten und wartete nun, dass er neben mir zum Stehen kommen würde. Aber er rollte mit seinem kleinen Fahrrad weiter mitten auf die Hauptstraße. Ich hatte die Situation zu spät erkannt, um noch eingreifen zu können. Aber es kam kein Auto - weder von rechts noch von links. Nur mir saß der Schreck in den Gliedern.
In dem Moment, als mein Sohn auf die Straße rollte, hätte ich ihn festhalten wollen. Aber ich konnte es nicht. Wenn es ein Unglück gegeben hätte - ich hätte es nicht verhindern können. An diesem Tag wurde mir bewusst, wie begrenzt meine Möglichkeiten sind. Ich kann mich bemühen, aufzupassen. Ich kann versuchen, Vorsorge für meinen Sohn zu treffen. Aber ich kann sein Leben nicht restlos absichern. Ich kann nicht so für ihn sorgen, dass er von allem Unglück verschont wird. Es bleibt ein Restrisiko.
Das gilt natürlich auch für andere Situationen und Menschen. Es ist auch sonst schon vorgenommen, dass ich jemanden festhalten oder ihm Halt geben wollte und es nicht konnte. Das macht mich dann ziemlich hilflos. Ich merke in solchen Situationen, dass das, was ich tun kann, nicht genügt. Zu meinem Bemühen muss noch was dazukommen, damit das Leben gelingt, damit das Leben überhaupt weitergehen kann. Sie können das Glück nennen. Oder Zufall. Ich nenne das die Hilfe Gottes. Ich glaube, Gott muss an vielen Stellen helfend eingreifen, damit mein Leben eine Chance hat. Er muss Dinge fügen, die ich nicht unter Kontrolle habe. Er muss Situationen bereinigen, wo ich dann denke: Das ist ja noch mal gut gegangen. Und manchmal lässt er es auch zu, dass ich hinfalle und schreie. Doch an diesem Sommertag in Holland hat Gott geholfen. So ging der Urlaub ohne weitere Zwischenfälle zu Ende. Aber mir ist klar geworden, wie wenig selbstverständlich das war.
Fahrradfahren und andere Unwägbarkeiten
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