Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.07.09, Pfarrer Martin Vogt

Geschenke gefällig?

Ich mag Geschenke. Sehr sogar. Besonders wenn ich den Eindruck habe: Da hat jemand nicht nur schnell was gekauft sondern sich richtig Gedanken gemacht.

Selbst wenn ich dann mit dem Geschenk nicht so zufrieden bin, freut es mich doch, dass sich der andere für mich Mühe gegeben hat. Denn es gibt ja auch Geschenke, bei denen ist von Mühe keine Spur. Da habe ich den Eindruck, der andere hat irgendwas gekauft. Egal was. Oder er hat einfach nur Geld in einem Umschlag gesteckt. Noch schlimmer ist es aber, wenn ein Geschenk bloß Mittel zum Zweck ist. Wenn ich das Gefühl habe: „Hier geht’s gar nicht um das Geschenk. Hier geht’s auch nicht um mich. Sondern da will einer was von mir. Der will sich einschmeicheln oder mir irgendwas andrehen, was ich überhaupt nicht haben will.“ Dieses Gefühl stellt sich oft bei Werbegeschenken ein. Auch da steckt zwar das Wort „Geschenk“ drin. Das Wichtige daran ist aber die Werbung. Man kriegt irgendwas und soll dann dazu noch etwas anderes, teureres kaufen. Oder einen Vertrag abschließen. Man wird mit irgendwas gelockt und muss aufpassen, dass man sich nicht einlullen lässt. Und dann etwas macht, was man eigentlich gar nicht will.

Solche Geschenke, mit denen jemand was erreichen will, sind im Moment wieder schwer in Mode. Alle politischen Parteien machen sich Gedanken, was uns Wählerinnen und Wählern wohl gefallen könnte. Und das Ergebnis dieser Überlegungen lautet in der Regel: Geld. Nicht sehr einfallsreich, aber wirksam. Dabei ist es genau wie mit den Werbegeschenken: Wir sollen gelockt werden. Nicht zum Kaufen, sondern zum Wählen. Die Kalkulation, die dahinter steckt, lautet: Die Partei mit den größten Geschenken - sprich: mit den tollsten Wahlversprechen - kriegt auch die meisten Stimmen. Obwohl ihr Programm vielleicht gar nicht so besonders toll ist.

Dabei können wir uns überhaupt keine großen Geschenke leisten. Tatsächlich lässt sich das Meiste, das in diesen Tagen versprochen wird, nur auf Pump finanzieren. Aber wir machen ohnehin schon mehr Schulden, als für uns und für die nächsten Generationen gut ist. Schätzungen zufolge werden die Schulden unseres Landes im Zuge der Wirtschaftskrise auf bis zu 2 Billionen Euro ansteigen. Das sind 2.000 Milliarden Euro, eine 2 mit 12 Nullen. Unvorstellbar.

Vor diesem Hintergrund ist klar: Wir brauchen im Moment keine großen Wahlgeschenke sondern gute Konzepte. Nicht nur für die Wirtschaftskrise. Wir brauchen auch Ideen, wie unsere Gesellschaft in Zukunft aussehen soll. Vorschläge, wie wir das soziale Netz erhalten und verbessern können. Diskussionen darüber, was uns wichtig ist in unserem Land. Und was nicht.

Damit ist so eine Wahlentscheidung mehr als das Abwägen zwischen ein paar politischen Parteien. Es ist eine Entscheidung, bei der wir uns von unseren Überzeugungen leiten lassen sollen. Auch von unserem Glauben. Die Botschaft Jesu hat schließlich auch politische Auswirkungen. Wenn alle Menschen zu ihrem Recht kommen sollen - die Armen und die Reichen, die Gesunden und die Kranken, die Inländer und die Ausländer -, dann lässt sich diese Forderung nicht mit jedem x-beliebigen Wahlprogramm umsetzen. Und mit dubiosen Wahlge¬schenken ist diese Forderung schon gar nicht vereinbar. Denn bei Jesus geht’s nicht darum, möglichst viel zu kriegen. Sondern dann möglichst gerecht zu verteilen.

So schön deswegen die Aussicht auf Geschenke ist - es wäre gut, wenn wir uns davon nicht einlullen lassen. Stattdessen sollten wir gucken, welches Programm unseren Überzeugungen, unserem Glauben und unseren Vorstellungen von einer gerechteren Welt am nächsten kommt. Der Maßstab ist dabei das Evangelium Jesu Christi. Und zwar nicht nur im Wahljahr 2009.

Audiobeitrag Geschenke gefällig?


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