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Krankheitsgewinn
Die Oma hat Krebs, aber auch der Schwiegervater und die Freundin der Freundin. Andere haben andere Krankheiten.
Herzinfarkte, Bandscheibenvorfälle, diverse Allergien oder auch mal psychische Krisen: wie Angsterkrankungen und Depressionen.
Auch Promis trifft es manchmal viel zu früh, so wie jüngst Barbara Rudnik. Und dann kann man sie nachlesen, in den diversen Boulevardblättern und seriösen Wochenzeitungen, die Ratschläge der Experten.
Auch der Büchermarkt ist geradezu überschwemmt von Ratgebern, wie sich Krisen meistern lassen. Meist werden sie umgedeutet und als Chance gesehen.
Das tut auch Lothar Kuschnik in seinem Buch: Lebensmut in schwerer Krankheit.. Der ev. .Pfarrer und Therapeut spricht von dem sog. Krankheitsgewinn.
Kennen sie das Wort? Krankheitsgewinn? Ich fand es zunächst reichlich geschmacklos. Da erkranken Menschen an einer Krankheit, die sie möglicherweise ins Grab bringt und dann unterstellt man ihnen auch noch, sie würden einen Gewinn daraus ziehen.
Wir bekommen so viel Hilfe, erzählte mir neulich fast ungläubig - eine junge krebskranke Bekannte. Und ihr Mann sagte: Ja, da stimmt wir fühlen uns von so viel Liebe umgeben. Offensichtlich war das eine neue Erfahrung für die beiden. So viel zu bekommen, ohne etwas zu leisten. Einfach weil sie es wert sind, als Person, geliebt, verwöhnt und umsorgt zu werden.
Mehr beachtet zu werden ist also ein Krankheitsgewinn, aber auch Zeit zu gewinnen, sagt Kuschnik. Man kann sich ausloggen aus dem System, in dem permanent alle auf einen zugreifen können. Man ist nicht mehr verfügbar. Wenn ich bestrahlt werde, klingelt, wenigstens nicht das Telefon, erzählt eine Sozialarbeiterin. Sie hatte die Vorstellung, sie müsse ständig erreichbar sein. Jetzt hat sie Zeit nur für sich. Auch Zeit für eine Gruppentherapie. Gönnt sich ein Jahr Pause und macht nur das, was sie will. Nach einem Jahr wechselt sie Beruf und Wohnort.
Der Kranke kommt also endlich zur Besinnung, er hat Zeit zu schauen, was er persönlich eigentlich noch will und was nicht. Welche Lebensziele er hat - privat oder auch beruflich. Er hat Zeit sich zu fragen: Welche Probleme habe ich verdrängt? Welche muss ich jetzt bearbeiten, um zu überleben?
Aber auch welche Kraftquellen habe ich. Was macht mir Spaß, Lust, Freude? Die depressive Mutter dreier Kinder wollte immer tanzen. Jetzt traut sie sich,. endlich ins Ballett zu gehen. Zweimal die Woche. Dann kommt eben die Babysitterin. Das ist ihr Krankheitsgewinn, Ergebnis der seelsorgerlichen Gespräche mit der Krankenhauspfarrerin.
Wichtig sei es Ziele zu haben und seien sie noch so klein, denn sie euphorisieren, stärken das Immunsystem und können Genesungsprozesse anregen.
Und vor allem eins sei wichtig, zu wissen: Ziele dürfen sich unterwegs ändern. Wichtig sei der Prozess, der Weg. Denn bereits auf dem Weg hin zu etwas, verändere ich mich und ändert sich möglicherweise auch das Ziel. Teresa Erzieherin und alleinerziehende Mutter - wollte immer Therapeutin werden. Doch während der Ausbildung wird sie krank und muss erkennen: Das ist mir viel zu stressig der Traum vom Glück ein einziger Albtraum.
Mittlerweile glaube ich, es gibt so etwas wie einen Krankheitsgewinn. Nicht nur bei Krebs, auch bei anderen Krankheiten. Und genau darin liegt auch eine Chance. Nicht nur für die Kranken, auch für die Gesunden. Denn wer sich um die Krankheitsgewinne kümmert, so lange er noch gesund ist, muss gar nicht erst krank werden. Helfen können dabei übrigens auch Pfarrer und Pfarrerinnen.
Krankheitsgewinn
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