Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.07.09, Pfarrer Johannes Doering

Ein Jesus, der nicht sowieso immer Recht hat

Menschen, die sowieso immer alles besser wissen und alles richtig machen, kann ich eigentlich nicht besonders gut leiden. Zum einen langweilen sie mich.

Was haben Leute, die anscheinend nie um etwas ringen mußten, weil ihnen sowieso immer alles klar war, schon wirklich Wichtiges mitzuteilen? Zum anderen neigen sie oft zu einer belehrenden Selbstgefälligkeit, die mich nervt und ärgert und die mir außerdem völlig hohl und verlogen vorkommt. Denn daß einer immer im Recht ist, das gibt es überhaupt nicht!

Ich kann mir vorstellen, daß es Ihnen, liebe Hörerin und lieber Hörer, genauso geht. Ich grüße Sie. Mein Name ist Johannes Doering; ich bin Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Unna.

Ein gewisses belehrendes Auftreten, das sich im Besitz der Wahrheit glaubt, sagt man ja auch den Kirchen und ihren Vertretern nach. Und nicht nur ihnen: mir hat einmal eine Konfirmandin über Jesus gesagt: „Diesen Jesus, der sowieso immer der Gute ist und alles kann und weiß, den kann ich nicht leiden.“ Hat sie damit so völlig Unrecht? So wird er im Neuen Testament ja wirklich meistens dargestellt. Seine Jünger sind begriffsstutzig, seine Gegner verbohrt, und wenn sie sich mit ihm anlegen, ist von vornherein klar, daß sie nur den Kürzeren ziehen können. Für ihn ist nichts zu schwer, und am Ende staunen alle über seine Taten und preisen Gott.

1. Musik: Eumir Deodato “Rodando Por Aí” (Rudy’s), CD: Os Catedraticos, Track 3, UBCD 505, 1998.

Ein Jesus, der sowieso immer Recht hat? Im 15.Kapitel des Matthäus-Evangeliums steht eine ganz andere Geschichte. Eine Geschichte, die irritiert und verstört.

Sprecher: Jesus zog sich in die Gegend von Tyrus und Sidon zurück. Da näherte sich eine Kanaanäerin und schrie: „Ach, Herr, Du Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir. Meine Tochter wird von einem bösen Geist geplagt!“ Er aber antwortete ihr kein Wort. Seine Jünger baten ihn: „Stell sie doch zufrieden, sonst schreit sie immer weiter.“ Aber Jesus sagte: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ Da fiel sie vor ihm nieder und sprach: „Herr, hilf mir.“ Er aber wies sie ab: „Es ist nicht recht, den Kindern ihr Brot wegzunehmen und es vor die Hunde zu werfen.“ Sie gab nicht auf: „Ja, Herr, aber die Hunde fressen doch von den Brocken, die von den Tischen der Herren fallen.“ Da sagte Jesus: „Frau, Dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie Du willst.“ Und zu derselben Stunde wurde ihre Tochter gesund.

„Man muß,“ so habe ich einmal gelesen, „schon auf eine fast unanständige Weise fromm sein, um das nicht empörend zu finden.“ Dem kann ich nur zustimmen. Dieser Jesus reizt mich zum Widerspruch und zu einer Protestrede:

Jesus, wie Du diese Frau behandelst, ist ungeheuerlich! Zunächst ignorierst Du sie einfach und zeigst ihr die kalte Schulter. Warum? Das Gebiet von Tyrus und Sidon ist heidnisches, syrisches Gebiet. Eine Gegend zudem, von der man damals sagte, daß man dort den Juden gegenüber besonders feindlich gesonnen sei. Ist das der Grund, weswegen Du so hart zu dieser Frau bist? Willst Du sie für die Feindseligkeit der Leute in dieser Gegend Euch Juden gegenüber büßen lassen?

Aber was kann ihr krankes Kind für all die Gehässigkeiten und Vorurteile zwischen seinem und Deinem Volk? Und seine Mutter? Selbst wenn sie bisher die antijüdischen Vorbehalte und Vorurteile ihrer Umgebung geteilt haben sollte  -  siehst Du nicht, daß sie das alles abgestreift und hinter sich gelassen hat, weil die Liebe zu ihrem Kind stärker ist? Und das vielleicht sogar trotz manchen häßlichen Geredes, spitzer Bemerkungen oder schiefer Blicke der Menschen um sie herum, weil sie zu einem Juden geht?

Und dann läßt Du sie in ihrer Verzweiflung dermaßen vor die Wand laufen! Was ist mit Deinen großen Worten von der Liebe als dem Kern des göttlichen Gesetzes und von Gottes Liebe zu allen Menschen? Fromme Sprüche. Luftblasen. Oder? Deine Jünger sind genauso eiskalt wie Du. Nicht aus Liebe, sondern weil die Frau ihnen auf die Nerven geht, sagen sie: „Stell sie doch zufrieden, tu doch, was sie verlangt, sie schreit die ganze Zeit hinter uns her  -  das ist eine von der ganz hartnäckigen Sorte, die werden wir sonst nicht los.“ Sie wollen ihre Ruhe haben.

Ich will ihnen das nicht zum Vorwurf machen. Wer von uns könnte nicht verstehen, daß Menschen, deren Hilfe und Zuwendung pausenlos beansprucht wird, irgendwann nicht mehr können. Zum Beispiel Angehörige eines pflegebedürftigen alten Menschen oder alleinerziehende Mütter. Daß ihnen alles zu viel wird. Daß sie ungeduldig oder sogar aggressiv werden. Solche Menschen brauchen dann keinen, der ihnen Moralpredigten hält und ihnen ein schlechtes Gewissen macht, sondern Unterstützung und Entlastung. Und darum hast Du Dich ja wohl auch mit Deinen Jüngern nach Syrien zurückgezogen: um Abstand zu gewinnen und Dir und Deinen Jüngern mal etwas Ruhe zu können.

Aber Du läßt diese Frau ja nicht deshalb stehen, weil Ihr Ruhe braucht, sondern weil sie keine Jüdin ist! Kann man seine Verachtung einem Menschen gegenüber deutlicher zum Ausdruck bringen als dadurch, daß man nicht mit ihm, sondern in seiner Gegenwart über ihn redet? Nicht zu ihr, sondern an ihr vorbei zu Deinen Jüngern sagst Du: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt!“

Sie hört das. Sie ringt um ihr Kind und um eine Antwort von Dir. Sie wirft sich Dir zu Füßen: „Herr, hilf mir!“ Ist es das, was Du willst? Sie unterwerfen? Sie demütigen? Sie zu Kreuze kriechen sehen? So wie es später die Kirchen in Deinem Namen oft getan haben: die Menschen klein machen, daß sie sich hilflos, abhängig und zutiefst unwürdig fühlen. Notleidenden Menschen helfen  -  ja  -  aber nur wenn sie die Hilfe als demütige Bittsteller empfangen. Menschen, die ihr Recht fordern, waren den Kirchen lange Zeit suspekt.

Nun hat sich die verzweifelte Mutter vor Dir niedergeworfen. Und was tust Du? Du trittst sie in den Dreck! „Es ist nicht recht, den Kindern ihr Brot wegzunehmen und es vor die Hunde zu werfen!“ Da kannst Du Dir mit Deinem Zeitgenossen Rabbi Eliëser die Hand reichen, der jede Tischgemeinschaft mit Heiden abgelehnt und gesagt hat: „Wer mit einem Götzendiener ißt, gleicht einem, der mit einem Hund ißt.“ Was für eine unerträgliche fromme Arroganz! Und was für ein menschenverachtender düsterer Fanatismus! Es gibt ihn  -  Gott sei’s geklagt  -  in allen Religionen. Bist Du also in Wahrheit auch einer von denen?

Aber selbst diese Demütigung läßt die Frau sich noch gefallen, erniedrigt sich noch weiter und sagt: „Aber auch die Hunde leben doch von dem, was an Resten von den Tischen ihrer Herren fällt.“ Das scheint Dich zu beeindrucken. Jetzt sagst Du: „Dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie Du willst.“ Ist es das, was Du unter „Glauben“ verstehst? Auf jeden Fall hat das kranke Mädchen seine Rettung am Ende wesentlich mehr der Liebe und der Hartnäckigkeit seiner Mutter zu verdanken als Dir. Ihr  -  und nicht Dir  -  gehören auch meine Sympathie und Solidarität.

Und eines will ich Dir zum Schluß auch noch sagen: als „Restefresser“ vom Tisch des Judentums sehe ich mich als Christ keineswegs! Ich will mich niemandem unterwerfen und will andere nicht unterwerfen, sondern ihnen aufrecht, auf Augenhöhe und in gegenseitiger Achtung begegnen. Gerade im Verhältnis zwischen Christen und Juden gibt es dazu nach fast zwei Jahrtausenden christlich-jüdischer Feindschaft und kirchlichen Judenhasses keine Alternative.

2. Musik: John Scofield “Hit the Road Jack”, CD: That’s what I say, Track 7, LC 00383.

Auch für den Apostel Paulus waren die nichtjüdischen Christen keine Restefresser vom Tisch des Judentums. In seinen Gemeinden wurde das Verhältnis zwischen Christen jüdischer und heidnischer Herkunft zum Teil heftig diskutiert. Paulus war selber Jude  -  hat aber entschieden bestritten, daß die Juden gegenüber den Heiden irgendeinen Vorrang oder ein Vorrecht besäßen. Ebenso entschieden hat er jede heidenchristliche Arroganz gegenüber den Juden abgelehnt.

Jesus selber ist, so weit wir wissen, nie aus Galiläa und Judäa herausgekommen. Er hat als Jude unter Juden gelebt und gewirkt. Aber seine Botschaft vom Reich Gottes meinte nicht nur das Judentum, sondern die ganze Menschheit. Und wo er Heiden begegnet ist, hat auch er selber in Einzelfällen schon die Grenzen des Judentums überschritten.

Aber anscheinend ist das nicht von Anfang an so gewesen. Die Geschichte von der Kanaanäerin und ihrer kranken Tochter zeigt uns einen Jesus, der zunächst noch ganz in den Beschränkungen und Vorurteilen vieler seiner jüdischen Zeitgenossen gefangen ist, die Gottes Heil auf Israel beschränkt sahen. Oder für die jedenfalls Israel an erster Stelle kam und dann lange gar nichts und erst dann irgendwann der Rest der Menschheit.

Ein Jesus, der nicht sowieso der Gute ist? Der nicht sowieso Recht hat und der nicht von vornherein alles kann und weiß? Ein Jesus, der von einer Heidin ins Unrecht gesetzt wird? Der umdenken, dazulernen und begreifen muß, daß seine Sendung viel weiter gefaßt ist, als ihm selber bisher klar gewesen ist? Für viele mag das ein ungewohnter, vielleicht sogar anstößiger Gedanke sein. Sie sehen Jesus als unfehlbaren, allwissenden Gottessohn  -  und als solchen über alle Zweifel und alle Kritik erhaben: denn was sollte oder könnte ein Gottessohn dazulernen, was er nicht sowieso schon wüßte? Wie könnte er irren, Vorurteile haben oder irgend etwas sagen oder tun, was er wieder zurücknehmen oder korrigieren müßte?

Aber gerade das zeugt nicht nur von wahrer Größe und innerer Freiheit, sondern auch von wirklichem Gottvertrauen: daß einer bereit und in der Lage ist, sich auf Neues, Ungewohntes einzulassen. Sich zu neuen Einsichten führen zu lassen. Über seinen Schatten zu springen. Seinen Horizont und sein Herz weiten zu lassen und für Menschen offen zu sein, mit denen man bisher noch nie etwas zu tun hatte. Dafür hat Jesus in dieser Geschichte ein Beispiel gegeben. Dazu macht er Mut.

Einen guten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Johannes Doering von der Evangelischen Kirchengemeinde Unna.

3. Musik: Eumir Deodato “Tô Fazendo Nada” (Down the hill), CD: Os Catedraticos, Track 9, UBCD 505, 1998.

 

Audiobeitrag Ein Jesus, der nicht sowieso immer Recht hat


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