Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.07.09, Pfarrerin Claudia Kiehn (Choralandacht)

"Meine engen Grenzen" (eg 600)

„Wenn man den Troll beim Namen nennt, dann platzt er.“ Sagt ein Sprichwort aus Schweden. Es meint: Wenn ich Unangenehmes benenne,

dann verliert es schon etwas von seiner Macht. Es tut gut, was schwer ist und belastet, beim Namen zu nennen oder sich von der Seele zu singen. Ein Lied aus unserem Evangelischen Gesangbuch drückt in besonderer Weise in Wort und Musik aus, wo es schmerzt in unserem Leben:

Choral: (1. Strophe)
Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht, bringe ich vor Dich.
Wandle sie in Weite, Herr, erbarme Dich./ Wandle sie in Weite, Herr, erbarme Dich.

Autorin: Hinter diesem Choral verbirgt sich eine wahre Geschichte: Eine junge Frau sieht keinen Ausweg mehr. Ihr Blick auf die Zukunft ist versperrt. Tunnelblick. Ohne Licht am Ende des Tunnels. Sie kann keine Hilfe mehr annehmen. Setzt ihrem Leben ein vorzeitiges Ende. Die Selbsttötung dieser jungen Frau hat den Lieddichter Eugen Eckert so sehr berührt, dass er seine schmerzhaften Erfahrungen in diesem Choraltext beim Namen nennt.

Choral: (2. Strophe)
Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt, bringe ich vor Dich.
Wandle sie in Stärke, Herr, erbarme Dich./ Wandle sie in Stärke, Herr, erbarme Dich.

Autorin: Eugen Eckert kannte diese Frau gut. Zehn Jahre lang hat er, parallel zu seinem Theologie-Studium, als Sozialarbeiter in einem Heim für Mädchen aus schwierigen und zerstörten Familienverhältnissen gearbeitet. Diese Erfahrungen haben ihn tief berührt:

Sprecher: „Nicht selten war ich in dieser Zeit mit meinem Latein am Ende. Die Geduld in Konfliktsituationen ging mir aus. (…) Den Suizid eines mir als Bezugsperson anvertrauten Mädchens konnte ich nicht verhindern. (...) Ich wurde in diesem Heim bestohlen, belogen und mit Waffen bedroht.“ (Das neue Lied, S. 78)

Choral: (2. Strophe)
Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt, bringe ich vor Dich

Autorin: Dieser Choral gehört zu den so genannten neuen geistlichen Liedern. Und obwohl es als Buß-oder Beichtlied gilt, macht es mich fröhlich. Denn ich darf offen sagen, was ist und wie es mir geht: Nämlich, dass ich nicht alles kann, sondern auch begrenzt und ängstlich bin. Oft ohnmächtig und manchmal hoffnungslos. Ich bin froh, wenn ich das sagen, zugeben kann. Wenn ich nicht so tun muss, als wäre alles nur leicht und einfach, schön und problemlos. Vor Gott kann ich mich zeigen, mit all meinen Selbstzweifeln, meinen großen und kleinen Ängsten. Und das tut mir unendlich gut und macht mir das Leben leichter!

Choral: (3. Strophe)
Mein verlornes Zutrauen, / meine Ängstlichkeit bringe ich vor Dich.
Wandle sie in Wärme, Herr, erbarme Dich./ Wandle sie in Wärme, Herr, erbarme Dich.

Autorin: Die Melodie, die von dem katholischen Kirchenmusiker Winfried Heurich stammt, nimmt den Text wunderbar auf. Die heilende Stärke und Kraft der Musik wird deutlich: Was mich belastet, mir Angst macht, wird musikalisch vor Gott gebracht, an ihn abgegeben und in der zweifachen Bitte um Wandlung bereits verändert. „Wandle sie in Wärme, Herr, erbarme Dich“. So unterstützt die Melodie ein wichtiges Anliegen des Dichters: Heilloses zu benennen und Heilsames dagegenzusetzen. Eugen Eckert formuliert es so:

Sprecher: „Meine eigenen Grenzerfahrungen trage ich in diesem Gebetstext vor Gott (…). Ich tue dies, weil ich der Macht Gottes zutraue, mit meiner Ohnmacht fertig zu werden, sie zu wandeln, mir neue Dimensionen für mein Leben, für meine Hoffnung und für meinen Glauben zu eröffnen.“ (Das neue Lied, S. 78)

Choral: (4. Strophe)
Meine tiefe Sehnsucht / nach Geborgenheit, bringe ich vor Dich.
Wandle sie in Heimat, Herr, erbarme Dich./ Wandle sie in Heimat, Herr, erbarme Dich.

Autorin: Unser Leben hat immer beides: Heilloses und Heilsames. Mir tut es gut, das Heillose in einem Gebet, in einem Lied an Gott abzugeben und seiner Macht zur Veränderung zu vertrauen. Denn bei Gott wird Heilloses heil. Schon der Apostel Paulus betont in der Bibel die Spannung, in der Christinnen und Christen leben: Zwischen dem heillosen Elend dieser Welt und der heilsamen Kraft, die aus unserem Glauben erwächst.

Sprecher: In allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, (…); als die Sterbenden und siehe, wir leben (…); als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben. (2. Korinther  6,4.9.10)

Autorin: Unser Leben hat immer beides: Heilloses und Heilsames. Manchmal ist der Blick für das Heilsame, Lebendige und Schöne allerdings von Schmerz und Leid versperrt. Aber mit Gott an meiner Seite will und werde ich der Lebensschwere nicht das Feld überlassen. Stattdessen will ich frei aussprechen, was das Leben so schwer macht. Und woran ich in dieser Welt leide. Um mir auf diese Weise neu einen Weg zu bahnen – hin zur Leichtigkeit des Lebens. Ich will meiner Sehnsucht nach Leben folgen.

Choral: (4. Strophe)
Meine tiefe Sehnsucht / nach Geborgenheit, bringe ich vor Dich.

Autorin: Wann immer ich diesen Choral höre oder selber singe, nimmt er mir die Schwere des Lebens und schenkt mir Leichtigkeit. Er weckt in mir Fragen, die mich in Bewegung bringen: Was engt mich ein? Was hindert mich eigentlich, mein Leben zu leben? Womit will ich mich nicht abfinden in dieser Welt? Fragen, die immer wieder neue Antworten von mir fordern und neue Taten! Ich bekomme Mut, für das zu kämpfen, was der Lebendigkeit in meinem Leben und in dem anderer Menschen dient.

Choral: (2. Strophe)
Meine ganze Ohnmacht, / was mich beugt und lähmt, bringe ich vor Dich
Wandle sie in Stärke, Herr, erbarme Dich. / Wandle sie in Stärke, Herr, erbarme Dich.

Autorin: Ich bin sicher, dass Gott meine Bitte um Wandlung erhört und sich meiner erbarmt. Bei ihm ist nichts unmöglich. Nichts muss so bleiben, wie es ist. Er wandelt meine Not, führt mich zum Leben und zur Fülle. Enge Grenzen macht Gott weit. Und Ohnmacht wird zur Stärke. Er wandelt Ängstlichkeit in Wärme und Sehnsucht in Heimat.

Choral: (3. Strophe)
Wandle sie in Wärme, / Herr, erbarme Dich./ Wandle sie in Wärme, Herr, erbarme Dich.

Autorin: Der Choral ist nicht nur ein erleichterndes und hoffnungweckendes Beichtlied. Er ist auch ein kraftvolles Kampflied gegen enge Grenzen, eine zu kurze Sicht, gegen lähmende Ohnmacht und alle Ängstlichkeit. Wer den Troll beim Namen nennt, der hat ihm schon den Kampf angesagt. Wer Leid und Not beim Namen nennt, der hat sich schon für das Leben entschieden. Und für dieses Leben hat uns „Gott nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2.Timotheus 1,7)

Choral: (3 und 4. Strophe)
Mein verlornes Zutrauen, / meine Ängstlichkeit bringe ich vor Dich.
Wandle sie in Wärme, / Herr, erbarme Dich./ Wandle sie in Wärme, / Herr, erbarme Dich.
Meine tiefe Sehnsucht / nach Geborgenheit, bringe ich vor Dich.
Wandle sie in Heimat, / Herr, erbarme Dich./ Wandle sie in Heimat, / Herr, erbarme Dich.

Es sang die Kleine Kantorei des Christlichen Sängerbundes unter der Leitung von Horst Krüger.

Audiobeitrag "Meine engen Grenzen" (eg 600)


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