| |
Mit-Glauben
Ich kenne viele Menschen, die nicht mehr an Gott glauben. Nicht mehr an Gott glauben denn früher haben sie das offenbar getan.
Bei manchen ist der Glaube einfach verkümmert. Er wurde nicht mehr gepflegt. Stattdessen hat so vieles Andere eine wichtigere Rolle im Leben gespielt. Der Glaube an Gott ist dabei verdorrt wie eine Blume, die kein Wasser bekommt. Langsam und schleichend hat er sich aus ihrem Leben verabschiedet.
Anderen ist ihr Glaube sehr plötzlich abhanden gekommen. Von einem Tag auf den anderen. Gestern hatten sie noch großes Vertrauen in Gottes Liebe und Güte und dann nach einem schweren Schicksalsschlag, einer persönlichen Katastrophe: Es ist ihnen nicht mehr möglich zu glauben. Da ist nur noch Leere, Verzweifelung und Wut. So viel Zorn und unendlich viele Warum-Fragen, auf die es keine Antworten gibt.
Ich erinnere mich eine Frau, die ihren geliebten Mann verloren hat. Sie saß vor mir, den Kopf in den Händen versunken, die Ellebogen auf die Knie gestützt. Sie sagte nichts. Unendlich lange: nichts. Wiegte nur immer den Kopf in ihren Händen hin und her bis es dann endlich aus ihr heraus flüsterte Ich will mit diesem Gott nichts mehr zu tun haben!
Und ich denke an den jungen Mann, Anfang dreißig war er. Sportlich, klug, beliebt, erfolgreich. Und da eröffnete ihm der Arzt nach einer Routineuntersuchung die tödliche Diagnose: Krebs unheilbar. Frau Pfarrerin! Wo ist ihr Gott nun? Warum lässt er mich sterben? Ich kann an keinen Gott mehr glauben. Wenn es ihn gäbe, würde er mir das nicht antun!
Das ist in doppelter Weise schrecklich. Man muss dann gleich mit einem zweifachen Verlust fertig werden: Man verliert ein Stück seines heilen Lebens und gleichzeitig seinen Glauben. Gerne möchte ich solchen Menschen helfen, gerne möchte ich ihnen einfach ihren Glauben zurückgeben können. So wie man einen vergessenen Schirm zurück zum Besitzer bringt. Schade, so geht es leider nicht.
Wem der Glaube gerade durch eine Lebenskatastrophe abhanden kommt, der fühlt sich nicht ernst genommen, wenn man von seinem eigenen festen Glauben erzählt. Wenn man beteuert, im erlittenen Leid stehe Gott an unserer Seite, der mit uns leidet und trägt und tröstet. Viele wenden sich verletzt ab, wenn man sie mit einem solchen gut gemeinten Bekenntnis stärken möchte. Sie hören unsere Glaubenszeugnisse dann nicht aufrichtend, sondern wie eine abwertende Beschwichtigung: Ist doch alles nicht so schlimm!
Wem großes Leid widerfährt, das ihm den Glauben nimmt, dem helfen keine besserwisserischen Reden. Dennoch kann ich einiges tun. Ich bete intensiv für die, die mir am Herzen liegen und die ihren Glauben verloren haben. Ich bitte Gott, die nicht aus den Augen zu verlieren, die ihn nicht mehr sehen können oder wollen. Diese Fürbitte, so glaube ich fest, wird von Gott nicht unbeantwortet bleiben. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass mir mein Glaube so viel Zuversicht schenkt, mich so hoffnungsfroh macht und mir Gott so viel Vertrauen in das Leben verleiht, dass ich für andere mit-glauben kann. Es ist dann als hätte ich genug Glauben nicht nur für mich, sondern auch noch für einen anderen.
Da ich nicht weiß, was mich in diesem Leben noch erwartet und was mein eigener Glaube noch wird aushalten müssen und vielleicht nicht wird aushalten können: Ich hoffe sehr, dass es dann in meinem Leben jemanden gibt, der für mich mit-glaubt. Der mir dann meine Verzweiflung und meinen Zweifel lässt und mit seinem starken Gottvertrauen an meiner Seite bleibt und für mich bittet.
Mit-Glauben
|