Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.07.09, Silke Janssen

Der Raum der Stille

Guten Morgen! Wie - der ist nicht so gut? Weil der Tag so viele Herausforderungen bringt und Sie jetzt noch nicht wissen, wie das alles werden soll?

Wieder der alte Trott, der gewohnte Stress, Urlaubsvertretung mit Mehrarbeit, der Chef wird Sie vermutlich zu Unrecht kritisieren, die Kollegen sind schlecht drauf oder Ihre Kinder wollen nicht so wie Sie, dann habe ich einen Tipp für Sie. Schaffen Sie sich einen Raum der Stille, in den Sie sich zurückziehen können. Damit meine ich nicht unbedingt einen richtigen Raum. Wie ein Büro, das leer steht oder ein Archiv oder einen Besprechungsraum, der nur selten genutzt wird. Solche Räume sind ja kaum vorhanden. Und wenn, ist es ja ein bisschen komisch, da hineinzugehen. Vor allem, nach einer Zeit der Stille und Besinnung da wieder rauszukommen und  Kollegen auf dem Gang zu begegnen.

Nein, was ich meine, ist ein innerer Raum der Stille. Ein Raum, den Sie  in sich selbst schaffen. Ein Raum, in den keiner außer Ihnen hineinkommt. Ein Raum, in dem es egal ist, was andere von Ihnen halten. Wo es keinen Stress gibt und keine Arbeitsüberlastung. Ein Raum frei von Kritik, Ablehnung und überzogenen Erwartungen. All das hat dort keinen Platz.

Das ist schwer einzurichten, meinen Sie? Klar, die Kritik der anderen trifft mich trotzdem. Der Stress am Arbeitsplatz hört nicht auf und der Ärger bleibt. Aber - genau damit hat der Raum der Stille nichts zu tun. Er muss extra eingerichtet werden. Quasi an Ihr inneres Haus angebaut. Mit dicken Türen und Fensterläden versehen, so dass der Alltag und was Sie quält nicht eindringen kann.

In diesem Raum kann ich aufatmen, zu mir kommen. Es ist der Raum der inneren Freiheit und Ruhe. Aber das ist nicht alles. In diesem Raum kann ich an meine Wurzeln zurück. An meinen wahren Kern. An den Menschen, den Gott gemeint hat, als er mich geschaffen hat. Einmalig, unverwechselbar. Einen Menschen, der ausgeglichen ist und in sich ruht. Einen Menschen, der begabt ist und viele tolle Fähigkeiten hat. Einen Menschen voller Würde.

Und vielleicht entdeckt ja der eine oder andere Gott in diesem Raum in sich. Denn der Friede, der dort herrscht, ist so tief und schön, wie er nur von Gott kommen kann. Ein Friede, der, wie es einmal ein Mönch beschrieb: „Erhabener ist als jedes Verstehen und der unsere Herzen behütet„. Ein Friede, der Kraft gibt, der frei macht. Ein Friede, der Geborgenheit gibt, wie man sie nur bei Gott finden kann.

So wird der Raum der Stille in mir ein Ort, an dem ich nicht verletzt werden kann und in dem mir die Umwelt nichts anhaben kann. Das, was da drin ist, kann mir niemand nehmen. Nicht die Würde, nicht die Ausgeglichenheit, nicht das Selbstwertgefühl, nicht die Ehre. Nicht das Wissen, dass Gott mich einmalig gemacht hat. Ich kämpfe nicht gegen andere, sondern genieße die Freiheit, die ich in meinem Raum der Stille verspüre. Dann macht es mir auch nicht so viel aus, wenn mich der Chef zu Unrecht kritisiert oder der Stress am Arbeitsplatz zu groß wird.

Audiobeitrag Der Raum der Stille


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