Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.07.09, Pfarrerin Claudia Kiehn

1000 Staatsanwälte

„Wissen Sie, ich habe 1000 Staatsanwälte in mir und nur einen betrunkenen Verteidiger!“ sagt der junge Mann. Er lächelt gequält und sieht mich verzweifelt an.

Er steht ziemlich unter Druck, das spüre ich. 1000 Staatsanwälte - Ich verstehe, was er mir sagen will: In ihm gibt es viele allzu bekannte und wohl vertraute Gedanken, die ihn andauernd anklagen. „Das hättest Du aber besser machen können!“ „Da hast Du aber einen unverzeihlichen Fehler gemacht!“ „Du bist ein wirklich schlechter Vater und jämmerlicher Ehemann!“ – immer wieder denkt er so über sich. 1000 Staatsanwälte ,die dauernd Druck machen: „Streng Dich doch einfach mal mehr an“, „Sei nicht egoistisch – die anderen brauchen Dich“, „Komm, Du bist doch noch längst nicht an der Grenze Deiner Belastbarkeit, da kannst doch auch noch Deinem Nachbarn helfen.“

1000 Staatsanwälte und nur einen betrunkenen Verteidiger – das heißt doch: Der, der sich für mich, für meine eigenen Belange, für meine Grenzen, für meine Wünsche, Hoffnungen und Träume einsetzt, der ist ein schlapper, alkoholgeschwächter Typ. Auf ihn kann ich nicht setzen. Wenn ich 1000 Staats-anwälten etwas entgegensetzen will, da brauche ich schon mehr als einen besoffenen Verteidiger. So-viel steht fest.

Der junge Mann, der vor mir steht, ist kein Einzelfall. Es gibt viel zu viele Menschen, in deren Kopf scharenweise diese kleine Antreiber sitzen. Ehrgeizige Staatsanwälte, denen es Freude macht, jeden Fehler anzuklagen. Und keiner scheint da zu sein, der sich diesen imaginären Staatsanwälten in den Weg stellt. Keiner, der den Angeklagten mit einer guten Verteidigungsstrategie „raushaut.“

Manchmal sind solche inneren Stimmen sogar noch religiös unterfüttert. Die Religion hat immer wie-der herhalten müssen, um den staatsanwaltlichen Druck zu rechtfertigen. Aber so war und ist das ganz und gar nicht gedacht. Wer sich selber immer nur anklagt und Forderungen an sich stellt, der kommt ja gar nicht zum Leben. Dessen Leben ist nur Pflicht und Pflichterfüllung. Manches freudlose Leben hat da seinen Anfang. Und wer selber wenig Freude erlebt, wie soll der anderen Freude schenken können? Und dabei will Gott doch, dass wir das Leben in Fülle haben.

Wer 1000 Staatsanwälte hat, sollte den betrunkenen Verteidiger entlassen und Gott selber zu seinem Rechtsbeistand erklären. Weil Gott nicht hart mit uns ins Gericht geht, sondern mit göttlicher Liebe an unserer Seite steht. Vor Gott müssen wir nicht erst richtig und gerecht werden. Durch seine Liebe sind wir es bereits. In Gott haben wir einen wunderbaren Verteidiger. Er hilft gegen Selbstverurteilungen und gegen Selbstüberforderung. Und - er lädt uns ein, unser Leben zu leben – mit Freude und Genuss.

Der Apostel Paulus schreibt in einem Brief an die Römer:

SPRECHER: Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht auch alles schenken? (...) Wer will uns trennen von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Ver-folgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? (...) ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.

Audiobeitrag 1000 Staatsanwälte


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