Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.07.09, Pfarrer Sven Keppler

Schweigeminute

Autor: Eine Gedenkstunde in der Aula des Lessing-Gymnasiums. Die junge Lehrerin Stella Petersen ist tödlich verunglückt. Christian war einer ihrer Schüler.

Er betrachtet ihr Foto, das auf einem Gestell vor dem Podium steht.

Sprecher: „Wie gut du aussahst auf dem Photo, den grünen Pullover kannte ich, kannte auch das seidene Halstuch mit den Ankern, das trugst du auch damals, am Strand der Vogelinsel, an die es uns antrieb im Gewitter.“ [S. 8]

Autor: Siegfried Lenz hat Christians Erinnerungen bei der Gedenkfeier beschrieben. In der Novelle „Schweigeminute“ erlebt Christian die Trauerstunde und wird immer neu an die Zeit mit seiner Lehrerin erinnert. Die vertrauten Worte eines Lehrers lassen ihn an das Strandfest denken, als er mit Stella tanzte.

Und in der Stille der Schweigeminute erinnert er sich an den sanften Ruderschlag, als er mit ihr ein paar Tage später eine Bootsfahrt vor der Küste unternahm. Sie waren von einem Gewitter überrascht worden. Auf der Vogelinsel hatten sie Zuflucht gefunden, in der leerstehenden Hütte des Vogelwarts.

Sprecher: „Stella bot mir eine Zigarette an und klopfte auf die Kante der Liege, als Aufforderung, mich zu setzen. Ich setzte mich neben sie. Ich legte eine Hand auf ihre Schulter und spürte das Verlangen, ihr etwas zu sagen, gleichzeitig hatte ich nur den Wunsch, die Berührung dauern zu lassen.“ [S. 32]

Autor: Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter, hob seine Hand an ihre Wange. Stand dann plötzlich auf und ging heraus, um Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Bald darauf wurden sie abgeholt. Er begleitete sie ins Hotel. Nach wenigen Wochen der unerlaubten Liebe unternahm Stella einen Segeltörn nach Dänemark. Bei der Rückkehr verunglückte sie im Hafen – tödlich. Auf die Schweigeminute folgt eine Kantate des Schulchores. Christian empfindet die verzweifelte Suche und das Hoffen auf Antwort, das in der geistlichen Musik zum Ausdruck kommt. Hört, wie Gott angerufen wird und seine Kraft, die den Tod überwindet.

Sprecher: „Und dann dies Amen, das unser Orchester echohaft aufnahm, das leiser wurde und sich wunderbar verlor an ein Universum des Trostes, überwunden der Actus Tragicus. Ich starrte auf ihr Gesicht, nie zuvor hatte ich das so mächtige Gefühl eines Verlustes empfunden; seltsam genug, denn vorher war mir nicht bewusst geworden, das, was verloren ging, zu besitzen.“ [S. 54]

Autor: Die Gedenkstunde hilft Christian, die eigenen Erinnerungen noch einmal zu durchleben. Ein wichtiger Schritt in der Trauer und beim Abschiednehmen. Die geistliche Musik will dabei an den Trost erinnern, der im Glauben an Gottes Kraft liegt.

Ich glaube, es ist vor allem Gottes Erinnerung, in der wir Menschen weiterleben. Sie ist die Brücke ins ewige Leben: Wer in Gottes Erinnerung lebt, dem schenkt er das neue Leben. Gottes Erinnerung ist wie bei Christian bestimmt durch einen liebenden Blick. Aufrichtig. Unverfälscht. Aber ohne Härte. Das ist der Trost, von dem in der Kantate gesungen wurde.

Audiobeitrag Schweigeminute


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