|
Mârup Kirke
Die alte Kirche steht direkt am Abgrund. Stürme umtosen sie Tag und Nacht. Die dänische Nordseeküste ist hier besonders imposant:
An der Steilküste zwischen Løkken und Lønstrup. Die Klippen fallen über 40 Meter in die Tiefe, an ihrem Fuß brandet das Meer. Mit jedem Sturm verschiebt sich der Rand der Klippen ins Landesinnere. Noch vor 200 Jahren stand die mittelalterliche Mårup Kirke einen halben Kilometer vom Meer entfernt. Doch nun kauert sie direkt an der Kante, auf Sand gebaut. Ihr Absturz ist nur noch eine Frage der Zeit.
Soll man dieses Kleinod aus dem 13. Jahrhundert aufgeben. Oder lieber das Gelände aufwendig sichern? Oder soll man die Kirche womöglich an einem anderen Ort wieder aufbauen?
Als ich im Mai die Kirche besuchte, war fast nichts mehr zu sehen.. Archäologen hatten sie abgetragen und waren gerade dabei, ihre Fundamente zu erforschen. Nur einige Mauern ragten noch zwei Meter in die Höhe. Die Ausstattung war in Sicherheit gebracht worden. Ein wehmütiger Anblick ist das. Viele Jahrhunderte haben Menschen hier Gottesdienste gefeiert. Haben von Gottes großen Taten gehört und haben sich mit ihm verbunden gefühlt. Haben gesungen und gebetet. Zudem war die Kirche ein sichtbares Zeichen für die vielen Seeleute, die die Nordspitze Mitteleuropas umschiffen.
All das ist jetzt vorbei. Ich gebe mir Mühe, darin keine tiefere Symbolik zu sehen. Es ist nicht die ganze Kirche, die am Abgrund steht. Der Wind bläst ihr scharf entgegen, das schon. Und manchmal hat sie ihre Unternehmungen tatsächlich auf Sand gebaut. Aber sie ist kein Abbruch-, sondern ein Aufbruchunternehmen, wie der westfälische Präses Alfred Buß einmal gesagt hat. Wirklich? Wird sie nicht doch irgendwann nur noch ein Fall für Archäologen sein, weil die Zeit über sie hinweg gegangen ist? Zumindest hier in Mitteleuropa?
Was wohl aus der alten Mårup Kirke geworden ist? Ob ihre alten Mauern verloren sind? Aus der dänischen Auskunftstafel werde ich nicht schlau. Ich vermute, sie stellt einen Wiederaufbau in Aussicht. Aber als was soll die alte Kirche neu erstehen? Als Museum? Als Gotteshaus an einem sichereren Ort? Vielleicht wird sie dann sogar ein Anziehungspunkt, wegen ihrer abenteuerlichen Vergangenheit.
Vielleicht ist die alte Kirche dann ja doch ein Symbol. Dafür, dass man manchmal alte Orte aufgeben muss. Auch wenn sie einmal großartig waren und viele Herzen an ihnen hängen. Sie haben ihre Zeit gehabt. Aber sie müssen nicht einfach verschwinden. Sondern sie können ihr Erbe an einem neuen Ort weitergeben.
Das ist aber nur möglich, wenn man sich rechtzeitig für einen Wechsel entscheidet. Bevor der Boden unter den Füßen wegbricht. Die Dänen haben das getan. Sie haben das alte Gebäude gesichert und haben nun die Möglichkeit, etwas Zukunftsweisendes daraus zu machen. Ich wünsche mir, dass aus der alten Kirche wieder ein Gotteshaus wird, dem man seine Geschichte ansieht. Und das viele neugierig macht, die vorher noch nie von ihm gehört hatten. Die es vielleicht erst einmal nur als Kuriosum besuchen. Ich wünsche mir, dass diese Menschen dann etwas von der Kraft des christlichen Glaubens spüren. Dass sie eine Kerze anzünden und Gott dafür danken, dass er immer wieder neue Chancen eröffnet.
Mârup Kirke
|