Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.07.09, Stefanie Schardien

Hängengelassen

Michelle kann es nicht mehr hören. Dass es doch gar nicht so schlimm ist, nicht in die Ferien zu fahren. Dass man doch auch zuhause schöne Ferien haben kann.

„Doch!“, sagt sie nachmittags im Teenietreff. „Doch, verdammt noch mal, das ist wohl schlimm, dass ich nie weg darf. Nach den Ferien in der Klasse erzählen sie wieder alle von ihrem Scheißstrand und sind braun.“ Und dann tritt sie wütend vor den Kicker. Klar hat sie Recht, denke ich. Niemand, der ans Meer fahren oder in den Süden fliegen kann, würde mit dem Ferienprogramm hier zuhause tauschen.

In Deutschland leben rund 2,5 Millionen Kinder in Armut oder sind davon bedroht, Tendenz steigend. Und da reicht es auch nicht für einen Zoobesuch mit der ganzen Familie, um die ach so schönen Ferien daheim zu versüßen. Schnell sind die ätzenden Stimmen zur Stelle: Warum denn die Unterschichtskinder dann alle so fett seien? „Sollten mal alle ordentlich draußen spielen, wie wir früher, statt vor dem Computer zu hängen. Mit unseren Steuern füttern wir die durch.“ So etwas sagt sich leicht, wenn die eigenen Enkel gerade vom Shoppen kommen.

Die Evangelische Kirche von Westfalen hat genug von solchen Klischees und wird aktiv gegen die Kinderarmut. „Lasst uns nicht hängen“ heißt die Mitmach-Kampagne, die noch bis November läuft. Eines der Ziele lautet: 20% Freiplätze bei Ferienfreizeiten der Kirchengemeinden. Dann könnte Michelle nämlich auch mal braun in die Schule wiederkommen und unser Kicker blieb heile.

Sprecherin: Christiane Birgden

Audiobeitrag Hängengelassen


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