Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.07.09, Bettina von Clausewitz

Nobody ist perfect - Mit den Augen Gottes sehen

Von der Bibel her ist das eigentlich ganz einfach: Gott hat Himmel und Erde gemacht, Pflanzen, Tiere und Menschen, und als er fertig war damit, war Wochenende

und er stellte zufrieden fest: Die Schöpfung ist gelungen, sehr gut sogar.

Eine schöne Geschichte, fast wie ein Märchen, aber heute scheint sie so gut wie vergessen. Wer würde heute schon von sich sagen - und zwar aus innerer Überzeugung: Ich bin ok, so wie ich bin. Ich weiß mich geliebt und angenommen, auch ohne Facelifting und Fitnessstudio, einfach so wie ich bin, mit frechen Falten, ein paar Rundungen und einem mittelmäßigem IQ .Schön wär’s, wenn das der Alltag wäre. !

Stattdessen gilt die Devise: Nobody is perfect – niemand ist perfekt -  und die gräbt sich immer tiefer ins Bewusstsein ein. Nicht als Devise für mehr Gelassenheit, sondern als hektischer Motor dafür, die Schöpfung selber nachzubessern, mit viel Geld und hohem Risiko. „Als Gott den Menschen schuf, übte sie noch“, sagen manche Kreativlinge mit dickem Portemonnaie und ziehen alle Register der modernen Wissenschaft:  Die Schönheitsindustrie - von Kosmetik über Wellness bis hin zu teuren Operationen - schaufelt jedes Jahr Millionen, Tendenz steigend. Ebenso nimmt das Psycho-Enhancement zu, Psychopillen zur Leistungssteigerung, egal ob bei der Mathearbeit in der Schule oder im Vorstellungsgespräch für den dringend benötigten Job. Dank vorgeburtlicher Diagnostik beginnt die Perfektionierung des Menschen sogar schon im Mutterleib: Immer seltener kommen behinderte Babys mit genetischen Defekten auf die Welt.
 
Nobody is perfect – packen wir es an! Im Einzelfall sind viele Maßnahmen sogar  nachvollziehbar: Wenn alle Kinder eine teure Zahnspange haben, Statussymbol und Coolnessausweis zugleich, wie will man sie dem eigenen Kind verweigern? In der Summe nimmt das Szenario jedoch erschreckende Ausmaße an: Jeder zweite Deutsche, Frauen wie Männer, ist unzufrieden mit dem eigenen Körper. Und viele behinderte Menschen sagen: Mich würde es heute gar nicht geben, wenn meine Mutter damals mit den Methoden der heutigen Medizin untersucht worden wäre.

Der Traum vom neuen Ich durchdringt alle Aspekte des Alltagslebens. Die Idee , dass Makellosigkeit das Ticket für Erfolg und Anerkennung ist. Dabei ist es ein Irrglaube, den Glücksforscher längst aufgedeckt haben: Glück hängt nur in geringem Maße vom Äußeren ab, von einem perfekten Körper oder einem gut bezahlten Job. Glück hängt vor allem mit dem inneren Menschen zusammen, darum darf der äußere ruhig unperfekt sein.     

Welch eine Befreiung vom immer enger geschnürten Korsett unerreichbarer gesellschaftlicher Normen – Modelgröße 36 und faltenfrei bis in den Tod. Stattdessen könnte das alte Märchen von der Schöpfungsgeschichte ganz neue Kräfte entfalten. Gott hat die Menschen als seine Ebenbilder geschaffen, er hat ihnen seinen Atem eingehaucht, eine göttliche Seele, welch ein Geschenk: „..und siehe es war sehr gut“, heißt es in der biblischen Schöpfungsgeschichte. Nicht weil die Menschen perfekt sind, sondern weil Gott sie liebt, so wie sie sind, mit allen Macken und Makeln. Vielleicht wäre es eine gute Idee, sich selbst beim Blick in den Spiegel nicht durch die ewig kritische Brille der anderen anzusehen, sondern mit den Augen der Menschen, die einen lieben – und mit den Augen Gottes. Das könnte manche Schönheitsoperation überflüssig machen.

Audiobeitrag Nobody ist perfect - Mit den Augen Gottes sehen


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