Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.07.09, Pfarrer Sven Keppler

Schweigeminute

Sprecher: „Wie gut du aussahst auf dem Photo, den grünen Pullover kannte ich, kannte auch das seidene Halstuch mit den Ankern, das trugst du auch damals,

am Strand der Vogelinsel, an die es uns antrieb im Gewitter.“ [S. 8]

Autor: Ein Mensch ist gestorben. Ein geliebter Mensch. Ein Mensch, mit dem man viele Erlebnisse und Erfahrungen geteilt hat. Nach dem ersten Schock, nach der Leere und dem Schmerz kommt dann irgendwann die Frage: Was bleibt? Wird unsere Beziehung weiterleben? Wie kann ich mit dir verbunden bleiben?

Guten Morgen. Mein Name ist Sven Keppler, ich bin evangelischer Pfarrer in Lünen. Wenn Menschen trauern, dann höre ich oft: „Unsere Mutter lebt weiter – in unseren Erinnerungen.“ Oder: „Mein Mann ist bei mir, das fühle ich. Immer wenn ich an ihn denke, spüre ich seine Nähe.“

Darin liegt ein kostbarer Trost. Aber mir kommen auch Zweifel: Kann ich meinen Erinnerungen wirklich trauen? Wenn sie durcheinander geraten. Wenn ich mir die Vergangenheit schön rede. Oder wenn ich eigene Schuld verdränge. Auf der anderen Seite: Dürfen Christen nicht noch viel mehr hoffen? Dass die Toten bei Gott ein ganz neues Leben finden – und nicht nur in unserer Erinnerung weiterleben. Um diese Fragen geht es auch in der Schweigeminute, einer Novelle von Siegfried Lenz. Sie erzählt von Christian und seiner Lehrerin Stella. Von der Liebe der beiden und von Stellas plötzlichem Tod. Während der Gedenkstunde in der Aula blickt Christian auf ihr Foto und durchlebt in der Erinnerung noch einmal ihre gemeinsame Zeit.

Musik: Benny Goodman & Rosemary Clooney, Memories of You

Autor: Ein Bootsausflug mit Stella hatte Christians Leben verändert. Bei der Fahrt vor der Küste waren sie von einem Gewitter überrascht worden. Auf der Vogelinsel hatten sie Zuflucht gefunden, in der leerstehenden Hütte des Vogelwarts. Christian hatte Tee gekocht.

Sprecher: „Da mir nichts anderes einfiel, sagte ich ‚Tea for two’, und du darauf, mit der Nachsicht, die ich kannte: ‚Ach, Christian.’ Stella bot mir eine Zigarette an und klopfte auf die Kante der Liege, als Aufforderung, mich zu setzen. Ich setzte mich neben sie. Ich legte eine Hand auf ihre Schulter und spürte das Verlangen, ihr etwas zu sagen, gleichzeitig hatte ich nur den Wunsch, die Berührung dauern zu lassen.“ [S. 32]

Autor: Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter, hob seine Hand an ihre Wange. Stand dann plötzlich auf und ging heraus, um Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Bald darauf wurden sie abgeholt. Zurück in Hirtshafen, begleitete er Stella in ihr Hotelzimmer, im Radio sang Ray Charles.

Musik: Ray Charles, You are my sunshine.

Autor: Während der Schweigeminute in der Aula erinnert sich Christian an diese Nacht und die folgenden Wochen. Entspannte Ferientage. Besuche bei Stella, die noch bei ihrem Vater wohnte. Den Neubeginn des Schulalltags. Die Abschlussarbeit, deren Note er nicht mehr erfuhr. Stellas Segeltörn mit Freunden nach Dänemark. Ihre Rückkehr bei schwerem Wetter, das tödliche Unglück im Hafen.

Auf die Schweigeminute folgt eine Kantate des Schulchores. Christian empfindet die verzweifelte Suche und das Hoffen auf Antwort, das in der geistlichen Musik zum Ausdruck kommt. Hört, wie Gott angerufen wird und seine Kraft, die den Tod überwindet.

Musik: Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ (BWV 106)
Glorie, Lob, Ehr und Herrlichkeit
Sei dir, Gott Vater und Sohn bereit,
Dem heilgen Geist mit Namen!
Die göttlich Kraft
Mach uns sieghaft
Durch Jesum Christum, Amen.

3. Sprecher: „Und dann dies Amen, das unser Orchester echohaft aufnahm, das leiser wurde und sich wunderbar verlor an ein Universum des Trostes, überwunden der Actus Tragicus. Ich starrte auf ihr Gesicht, nie zuvor hatte ich das so mächtige Gefühl eines Verlustes empfunden; seltsam genug, denn vorher war mir nicht bewußt geworden, das, was verlorenging, zu besitzen.“ [S. 54]

Autor: Erinnern – das ist das große Thema der Novelle. Die Gedenkveranstaltung. Die Ansprachen. Das Foto von Stella. Von einer Nachbarin bekommt Christian ein Stück Bernstein geschenkt. Es umschließt einen Käfer und eine Mücke, für immer. „Wie werde ich in Zukunft besitzen können, was ich verloren habe?“ – das ist Christians große Frage. Bewusst wird ihm die Frage bei der geistlichen Kantate. Der Trost des Glaubens ermöglicht ihm erst zu empfinden, wie groß sein Verlust ist. So entsteht die Sehnsucht, das Verlorene auf andere Weise zu besitzen – in der Erinnerung.

Musik: Benny Goodman & Rosemary Clooney, Memories of You

Autor: Ich habe die Novelle mehrmals gelesen. Erst nach und nach ist mir aufgefallen, dass sie nicht wirklich verortet werden kann. Christians Heimatort Hirtshafen muss auf einer Insel liegen, denn einmal ist von einer zweiten, einer „Nachbarinsel“ die Rede. Hirtshafen kann also nicht an der Ostsee liegen, denn an der Küste der alten Bundesrepublik gibt es nur die eine Insel Fehmarn. Die Nordsee scheidet jedoch auch aus, denn die nordfriesischen Inseln waren das Ziel der Klassenfahrt; und von den ostfriesischen Inseln aus macht niemand einen Segeltörn in die dänische Inselwelt. Der Erzähler hat also bewusst alle Spuren verwischt. Vielleicht, um die privaten Erinnerungen ein wenig zu schützen? Auch die Zeitspanne, an die sich Christian erinnert, ist voller Widersprüche. Es ist die Zeit, als Ray Charles und Benny Goodman in aller Munde waren. Die Liebe von Christian und Stella begann in den Sommerferien. Stella hatte in Hirtshafen ein Hotelzimmer genommen, um dort von ihren Freunden nach Dänemark abgeholt zu werden.

Aber warum schreibt Christian seine Abschlussarbeit erst nach den Ferien? Warum ist in den Ferien noch fraglich, ob er wohl versetzt wird? Und warum bricht Stella erst dann zu dem Segeltörn auf, als das Schuljahr schon längst wieder begonnen hat und die Abschlussarbeit korrigiert auf ihrem Schreibtisch liegt? Will der Erzähler seine Leser auch in ein zeitliches Niemandsland führen? Oder steckt mehr dahinter?

Musik: Benny Goodman & Rosemary Clooney, Memories of You

Autor Wie verlässlich sind eigentlich meine Erinnerungen? Besonders wenn es um etwas geht, das mich tief erschüttert hat. Lege ich mir die Dinge ein bisschen zurecht, damit sie erträglicher werden? Damit ich mit Schuld oder Zweifeln besser zurecht komme? Spielen mir nicht auch manchmal meine Sehnsüchte einen Streich? Wenn ich mich in Christians Erzählung einfühle, werde ich auf verschiedene Fährten gelockt. Wäre es nicht möglich, dass er die ganze Affäre nur erträumt hat? Dass er auf der Vogelinsel die Hand auf Stellas Schulter gelegt hatte – und mehr nicht. Warum hätte es das Hotelzimmer geben sollen, da Stella doch im Nachbarort wohnte? Auf einer anderen Fährte würde die Geschichte stimmig, nämlich wenn Stella noch in den Ferien zum Segeltörn aufgebrochen wäre. Wenn sie losgesegelt wäre, kurz nachdem die Liebe mit Christian begonnen hatte. Das Abenteuer der beiden hätte ein schrecklich schnelles Ende gefunden. Und Christian hätte in seiner Erinnerung versucht, die Zeit ihrer Liebe zu verlängern, über die Ferien hinaus. Christian hatte seine Abschlussarbeit über Orwells „Farm der Tiere“ geschrieben, diese Parabel auf Revolution und Stalinismus. Stella hatte dazu einmal eine Bemerkung gemacht:

Sprecher: „Christian, du hast die Anfänge ausreichend wiedergegeben [...] Doch du hast etwas nicht erwähnt oder es übersehen: das Ergebnis dieser Revolution, ein Ergebnis, das so manche Revolution kennzeichnet. [...] Kurz gesagt, du hast die Ursachen dieser Revolution genannt, die Gründe ihres Scheiterns jedoch kaum dargestellt.“ [S. 64]

Autor: Vielleicht ist es genau so mit Christians Erinnerungen. Den Anfang hat er korrekt erzählt, aber vor dem Ende die Augen geschlossen. Während der Gedenkstunde fragt ein Lehrer: „Stella warum mußte das geschehen? Hat es denn keinen anderen Ausweg für dich gegeben?“ [S. 19] Das klingt, als ob Stellas Tod gar kein Unfall war. Hatte sie sich das Leben genommen? Weil ihr die Beziehung zu einem Schüler als aussichtslos erschien? Vielleicht hat Christian diese unerträgliche Wahrheit ja abgespalten. Eine letzte Fährte scheint mir am Wahrscheinlichsten. Folgt man ihr, dann könnte man besonders gut verstehen, warum Christian die Ereignisse in seiner Erinnerung umdichten möchte. Denn vermutlich hat er sich mitschuldig gefühlt an Stellas Unfall. Kurz vor ihrer verhängnisvollen Rückkehr hatte Christian mit seinem Vater Steine im Hafen versenkt. Das war der Beruf seines Vaters. Diesmal hatte er darauf verzichtet, die Lage der Steine zu prüfen. Eben an diesen Steinen wurde Stellas Schiff in die Höhe geworfen und es kam zu dem tödlichen Unfall. Christian deutet das nur an, verliert kein Wort von Schuld. Aber es klingt, als hätte er manches Detail in seinen Erinnerungen verändert, um von dieser quälenden Einsicht abzulenken.

Musik: Benny Goodman & Rosemary Clooney, Memories of You

Autor: Christians Erinnerungen mögen trügerisch sein. Verändert durch den Wunsch, das Glück zu verlängern oder Schuld zu verdrängen. Aber es sind Erinnerungen voller Liebe. Und deshalb lebt Stella in ihnen fort. Ein geliebter Mensch ist gestorben. Es tröstet mich, wenn ich mich an ihn erinnern kann und dabei seine Nähe spüre. Dieser Trost verliert auch nicht seinen Wert, wenn ich meinen Erinnerungen misstraue. Und doch bleiben die Zweifel: Lege ich meine Erinnerungen nicht so zurecht, dass ich gut mit ihnen leben kann? Die Bibel weiß jedoch von einer Hoffnung, die noch darüber hinaus führt. Sie erzählt davon, dass Gott den Verstorbenen ein neues Leben schenken wird. Das Bindeglied zwischen dem sterblichen und dem neuen Leben ist Gottes Gedächtnis, Gottes Erinnerung. In Gottes Erinnerung ist das Leben jedes Menschen aufgehoben. Weil Gott sich an die Verstorbenen erinnert, kann er ihnen neues Leben schenken – auch wenn ihre sonstigen Lebensspuren verlöscht sind. Gottes Erinnerung ist nicht durch Wünsche und Sehnsüchte verfälscht. Es ist die Erinnerung Gottes, der auch nicht die Augen vor Schuld verschließen muss. Aber auch Gottes Erinnerung ist durch einen liebenden Blick bestimmt. Aufrichtig. Unverfälscht. Aber ohne Grausamkeit. Dieser Gedanke tröstet mich, auch wenn ich den eigenen Erinnerungen nicht trauen kann. Einen guten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Sven Keppler von der Evangelischen Kirche.

Musik: Dave Koz, As Time goes bye,

Audiobeitrag Schweigeminute


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