Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.07.09, Pfarrer Eko Alberts

„Redende Steine“ (Lukas 19, 28-40)

Liebe Hörerinnen und Hörer! Meine letzte Geschichte von Steinen und was sie mit dem Glauben zu tun haben, beginnt mit einer Frage: Bergen Steine besondere Kräfte in sich?

Für manche ist das gar keine Frage: Rosenquarz für die Liebe, Amethyst gegen Kopfschmerzen, Fluorit gegen Elektrosmog… Für mich ist das nichts. Ich suche heilende Kräfte auf anderen Wegen. Aber – und jetzt wird es vielleicht noch abwegiger - ich glaube an die Möglichkeit, dass Steine reden. Und da meine ich auch nicht das Knirschen, wenn sie zermahlen werden oder das Prasseln im Steinschlag. Ich denke dabei an Steine, die einfach da sind.

Wie ich darauf komme? Durch eine Geschichte in der Bibel. (Lukas 19,40) Da heißt es am Ende aus dem Munde Jesu: „ Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien!“ Wer ist gemeint? Wer könnte oder sollte schweigen? Es sind die Menschen, die ihm zujubeln als er nach Jerusalem kommt. Seine Anhänger bereiten ihm einen begeisterten Empfang. Einen Esel haben sie als Reittier für ihn losgeeist, Kleider als roten Teppich auf die Straße geworfen. Und als Lob Gottes besingen sie Jesu Taten. Laut geht es zu. Es ist ihnen nicht nach ehrfürchtiger Stille. Ausgelassen wird gefeiert. Ja, als einen König feiern sie Jesus. Himmel und Erde werden beschworen. Als wäre dieser Jesus von Nazareth der Messias, Gottes Gesandter und Bevollmächtigter!

Das ist den Frommen zu viel. Das ist Klamauk treiben mit den heiligen Hoffnungen. „Meister, weise sie zurecht!“ (Vs 39) Doch der Meister steht zu seinen Jüngern: „Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien!“

Nun soll sich aber niemand einbilden, die Bedenkenträger seien damit ausgestorben. Auch ganz fromm melden sie sich immer wieder:  „Warum denn soviel Aufhebens über diesen Einen dort? Warum wird er so herausgehoben? Warum soll in ihm so viel Zukunft sein und er unser Weg zum Heil und zum Frieden? Warum immer von ihm reden? Warum denn z.B. nicht ein wenig mehr von uns, der Kirche zum Beispiel? Von unserem Tun und unseren Leistungen für die Kultur, auch die soziale Kultur? Und über unser Erbe aus der Vergangenheit und unser ethisches Bemühen?! Sind wir nicht Stützpfeiler der Gesellschaft und verdienstvolle Kraft im sozialen Leben? Und sollten wir das nicht ordentlich herausstreichen?“

Doch Jesus antwortet: „ Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien!“ Da haben wir es: Steine können reden, ja schreien – wenn die Christenmenschen schweigen. Wenn sie nicht mehr auf den König auf dem Esel verweisen, den König der Geringen, den Urheber der Freude und des Lachens, weil Gott sich in ihm über die Geringen erbarmt.

Wenn eine Kirche die Ehre Gottes als ihre Mitte verliert, wird sie eine schweigende Kirche, eine verschweigende Kirche. Dann ist sie stumm geworden -  und die Steine, die harten, felsigen, gebrannten, behauenen Steine müssen schreien. Dann wird sogar die steinerne Kirche zum Protest gegen eine schweigend und zeugnislos gewordene Christenheit. Das ist die Gefahr. Dann reden die schönen und eindrücklichen Gebäude aus dem Mittelalter, der Reformationszeit oder auch aus dem letzten Jahrhunderts nur noch vom vergangenen Glauben. Aber sie sind dann zugleich Zeugen gegen eine schlafend und stumm gewordene Christenheit der Gegenwart. Angesichts dieser Gefahr werde ich mein Heil nicht bei den Steinen suchen. Lieber bleibe ich auf der Spurensuche des Jesus von Nazareth. Und seinetwegen singe ich Gott meine Lieder.

 

Audiobeitrag „Redende Steine“ (Lukas 19, 28-40)


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