Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.06.09, Pfarrer Eko Alberts

"Eine seltsame Geschichte“ (nach 1. Mose 27)

Liebe Hörerinnen und Hörer! Geschichten von Steinen und was sie mit dem Glauben zu tun haben, möchte ich diese Woche erzählen.

Ich beginne mit einer Geschichte aus dem ersten Buch der Bibel. Sie ist seltsam, aber sie macht Mut. Da ist einer gehetzt unterwegs und wird am Abend müde. Er findet einen dürftigen Platz für seinen Schlaf – und dann hat er einen Traum, in dem er Worte hört, die voller Versprechen sind:  Jakob,  ich will auch dein Gott sein. Als Jakob aufwacht, sagt er erstaunt: Hier ist das Haus Gottes, ein Tor des Himmels.

Das klingt großartig und ehrwürdig. Darum hat man die Worte später über Eingänge von Synagogen und Kirchen geschrieben. Doch passt das wirklich? Ist das nicht zu hoch gegriffen? Kirche ist für viele ein eher abgelegener Ort, nicht so himmlisch. Hier oder da gut für eine kleine Besichtigung, kurz rasten, fünf Minuten ausruhen. Es ist so schön still da.

Zurück zur Geschichte: Jakob ist einfach müde. Er kommt an einen Rastplatz und legt sich hin – nicht weil er Gott dort vermutet, sondern weil er alle ist, ganz und gar alle, hundemüde, todmüde. Da legt er sich hin, im Schutz eines Steines, in seinen Windschatten. Er wird bestimmt keine himmlischen Gefühle gehabt haben. Wäre sein Bruder ihm hier begegnet, sie hätten zusammen keine frommen Lieder gesungen. Der Bruder hätte ihn zur Rede gestellt, ihn fertiggemacht. Denn Jakob hat ihn gerade um das Erbe betrogen! Jakob ist auf der Flucht.

Doch nun geschieht es: Als er sich bei dem Stein einigermaßen geschützt und sicher fühlt, schließt er die Augen. Sein Atem, der schnelle Atem des Flüchtlings beruhigt sich, das pochende Herz des Betrügers geht langsamer, er schläft. Im Schlaf aber, als er wehrlos daliegt, wird ihm der Traum geschenkt. Der sagt ihm: „Bist du auch nicht heilig, Jakob, bist du mit deinen Taten auch nicht auf der Seite Gottes, so wisse dennoch: Gott schenkt dir einen Ort der Ruhe, des Ausruhens und des Aufatmens. Denn Gott bleibt der Heilige, der ganz Andere,  der ganz anders handelt als du und deinesgleichen. Er verschließt seinen Himmel nicht vor dir!“ Jakob erfährt: Gott kommt zu mir. Er will mit mir zu tun haben. Und Jakob tut das, was in uralten Geschichten der Bibel immer wieder getan wird: Am Ort dieser Gotteserfahrung richtet er einen Stein auf, ein Steinmal, ein Gedenkzeichen. Das ist noch keine Synagoge, keine Kirche, das nicht. Aber dorthin wird er, dorthin werden andere zurückkehren, um Gott anzurufen und ihn auch in ihr Leben hineinzubitten.

Ist das veraltet? Ein Rest aus der Steinzeit des Glaubens? Nein. Auch heute gibt es diese Orte, an denen es oft sehr menschlich zugeht, Orte, wo wir manchmal ein wenig müde ankommen. Oder im Herzen sogar sehr müde, todmüde und wo wir uns nichts mehr wünschen, als ein wenig Ruhe und in Ruhe gelassen zu werden. Und vielleicht lassen wir uns da etwas träumen! Wie schön wäre es, hören zu dürfen, dass einer sagt: Du bist nicht allein, wohin es dich auch treibt. Wir blicken auf und sehen dort einen Stein aufgerichtet, einen Taufstein. Waren wir schon einmal dort, an einem solchen Ort, den Kopf geneigt oder als wehrloses Kind? Dann vom Stein das Wasser über den Kopf. Da hat Gott gesprochen: Ich kenne dich, mehr als du denkst. Ich will dein Gott sein.
Eine seltsame Geschichte, aber sie macht Mut.

Audiobeitrag "Eine seltsame Geschichte“ (nach 1. Mose 27)


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