Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.07.09, Pfarrer Jost Klausmeier-Saß

Verschrotten

Also ich finde ja immer wieder: die „Verschrottungsprämie“ oder auch „Abwrackprämie“ für die alten Autos ist eine Super – Idee. Vom Prinzip her.

Man wird was Altes los und bekommt für das Neue noch eine Belohnung. Tut sich was Gutes und der Allgemeinheit gleich mit. Gut – ob die Verschrottungsprämie tatsächlich eine Umweltprämie ist, wie sie genannt wird, darüber kann man streiten. Immerhin wird mit der Produktion neuer Fahrzeuge die Umwelt ja zusätzlich ziemlich belastet.

Und ob unsere Wirtschaft in der Krise durch die Verschrottungsprämie nachhaltig gestützt wird, muss sich auch noch zeigen, immerhin werden die KFZ - Werkstätten mittelfristig weniger Reparaturaufträge haben.

Was mich fasziniert ist vor allem, was die „Verschrottungsprämie“ in den Köpfen der Menschen ausgelöst hat: welche Energien dadurch freigesetzt worden sind. Wie viel Zeit schon eingesetzt worden ist, darüber nachzudenken, ob sich das Verschrotten des alten Autos für einen lohnt. Und dann für die Frage nach dem passenden Neu - Modell.

An wie vielen Arbeitsplätzen, Mittagstischen und Stammtischen darüber diskutiert wird. Mit welcher Kreativität die Automobilhersteller potenzielle Kunden bewerben! Und jetzt ist ein halbes Jahr rum, viele von uns haben neue Autos gekauft. Und deshalb wieder mehr Zeit, über andere Dinge nachzudenken.

Wie wär’s denn, wenn wir die frei gewordenen Kapazitäten in unseren Köpfen nutzen, um über die Dinge nachzudenken, die wir in unserem Leben auch noch verschrotten sollten? Ich meine jetzt nicht weitere Fahrzeuge. Sondern zum Beispiel die alten Macken unserer Persönlichkeit. Die verbeulten Gewohnheiten. Die Eigenschaften, die uns und unsern Mitmenschen schon lange stinken. Auch die gehören abgewrackt.

Werfen wir die Vorstellung, wir seien perfekte Menschen auf den Schrottplatz unserer Lebensgeschichte! Dass immer nur andere Fehler machen! Wracken wir unsere kleinen und großen Selbstherrlichkeiten ab! Schluss mit dem alten Modell der satten Selbstzufriedenheit!

Ersetzen wir es durch ein neues Lebensmodell, durch Barmherzigkeit. Seien wir stattdessen barmherziger mit unseren Mitmenschen. „Demut und Barmherzigkeit statt aufgetunter Selbstbilder.

Was das Gute bei dieser Verschrottungsaktion ist? Das alte Auto muss man sofort hergeben. Die alten Macken und Fehler kann man Stück für Stück abwracken. Und wird dafür auch noch immer wieder neu belohnt. Von sich selbst. Oder von Mitmenschen, die die kleinen Veränderungen zu einem neuen Modell bei uns sicher schnell und gern bemerken werden. Klar, sollen wir auch zufrieden mit uns selbst sein. Und alles muss ja auch nicht abgewrackt werden. Aber mal Hand auf’s Herz: da ist doch sicher bei jedem was zum Verschrotten zu finden, oder?

Nutzen wir doch den Sommer, um über unser persönliches Abwrackmodell nachzudenken. Ich verspreche Ihnen: Umweltfreundlicher sind wir dann sicher. Und diese Abwrackaktion muss nicht 2009 zu Ende gehen.

Audiobeitrag Verschrotten


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