Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.06.09, Pfarrerin Antje Rösener

Entlassungen

Wir saßen bei Freunden und grillten. Spät am Abend, die Runde der Gäste war schon kleiner geworden, kam ein neues Thema auf den Tisch. Thomas arbeitet seit drei Monaten kurz.

In 20.000 Betrieben wird zur Zeit kurz gearbeitet, sagt er. Aber noch kommen sie über die Runden. Gott sei Dank.

Dann erzählt Frank: Er erhielt von seinem Chef den Auftrag, hinter einem Angestellten her zu schnüffeln. Er sollte ein Fehlverhalten aufspüren, das für eine verhaltensbedingte Kündigung relevant gemacht werden könnte, wie z.B. eine private mail auf dem Rechner. Frank weigert sich diesem Auftrag nachzukommen. Der Angestellte wurde daraufhin trotzdem abgemahnt – der in dem Schreiben genannte Grund war frei erfunden.“

Wir schweigen. Frank versucht fair zu bleiben. Viele Unternehmer entlassen nur schweren Herzens. Gerade die Führungskräfte kleiner und mittlerer Unternehmen kennen die Familien, die betroffen sind. Viele fragen sich nicht nur einmal, ob dieser Schritt wirklich nötig ist. Aber leider gäbe es auch die anderen..!

Geschichten wie die von Frank hört man in jüngster Zeit immer häufiger. Manager, die Gründe für Abmahnungen erfinden, um langjährige Mitarbeiter auf diese Weise zu zermürben und loszuwerden.

Die Gewerkschaften beklagen, dass auch manche Banken hier eine unrühmliche Rolle spielen: Sie machen Firmen, die weitere Kredite beanspruchen, Entlassungen mehr oder weniger deutlich zur Bedingung. In dieser Krise haben schon viele verloren. Ihren Arbeitsplatz, ihre Altersvorsorge, Vermögen und Erspartes.

In dieser Krise haben aber auch die, die Banken und große Unternehmen dirigieren, verloren: Und zwar Ansehen und Respekt. „Suchet der Stadt Bestes“ - dieser Satz ist mehr als 2500 Jahre alt. Er steht in der Bibel.

Der Prophet Jeremia hat ihn dem Volk Israel zugerufen. Mehr noch: Dieser Ruf galt den Wohlhabenden, der Oberschicht des Volkes. Die nämlich waren deportiert worden, lebten im Ausland, lebten im Exil. Sie sollten auch dort im fremden Land, im Ausland nicht nur auf ihren eigenen Vorteil schauen. Sie sollten der ganzen Stadt Bestes suchen.

„Suchet der Stadt Bestes“ - das klang damals genauso verrückt wie heute und doch liegt genau da der Weg aus der Krise. Gefragt sind Menschen, Verantwortungsträger, die die ganze Stadt, das ganze Land, die nächsten Generationen in den Blick nehmen. Gängige Wirtschaftspraktiken daraufhin hinterfragen, Alternativen zu diskutieren beginnen, Netzwerke knüpfen, sich menschenverachtenden Praktiken widersetzen. Rückgrat zeigen.

„Die Aktuelle Wirtschaftskrise ist vor allem ein Ergebnis neoliberaler Politik, die dem globalisierten Kapitalismus keine sozialen und ökologischen Schranken setzte“ - so heißt in einer Zeitungsannounce von ca. 20 Vermögenden. Sie fordern eine auf zwei Jahre befristete Vermögensabgabe der Reichen. Das Geld soll gezielt für den ökologischen Umbau der Wirtschaft und für Bildungs-, Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen verwandt werden.

Das ist eine gute Initiative. Wir brauchen viel mehr davon. Und zwar bald: Ideen und Initiativen, wirtschaftliche Alternativen für das Wohl der ganzen Stadt.

Audiobeitrag Entlassungen


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