Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.06.09, Pfarrer Dr. Werner M. Ruschke

Johannes Calvin, theologischer Reformator und praktischer Kirchenreformer

Die Nase spitz, die Augen mandelförmig, auf dem Kopf eine die Haare abdeckende enge Mütze, und dann ein bis auf die Brust reichender spitz zulaufender Bart.

Wahrscheinlich hat er wirklich so ausgesehen, auch wenn jenes Gemälde, an dem sich alle weiteren künstlerischen Darstellungen seiner Person ableiten, erst Jahre nach seinem Tod entstanden ist. Es gibt da nämlich im Schreibheft eines seiner Studenten ein paar Karikaturen, die einige der typischen Züge seines Gesichts erkennen lassen. Schmal ist es geschnitten, hohlwangig, fast abgezehrt. Wie auch immer, die Nachwelt jedenfalls verstand sein strenges Gesicht als eine angemessene Widerspiegelung seiner strengen Person und seiner ernsten Lehre.

Die Rede ist von Johannes Calvin. Er ist neben und nach Martin Luther, auf den sich die evangelisch-lutherischen Kirchen beziehen, der bedeutendste Reformator der evangelischen Kirche. Auf ihn gründen sich die evangelisch-reformierten Gemeinden und Kirchenkreise, die auch in ganz Nordrhein-Westfalen vertreten sind. Gelebt hat er von 1509 bis 1564. Am 10. Juli diesen Jahres jährt sich sein Geburtstag zum fünfhundertsten Mal.

Auch mich hat das theologische Denken dieses Reformators beeindruckt und beeinflusst. Mein Name ist Werner Max Ruschke, und ich bin in Münster Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Perthes-Werkes. Das ist ein großer diakonischer Träger in Westfalen mit Angeboten vor allem für alte, aber auch für behinderte und sozial benachteiligte Menschen.

Musik: CD  Vocalconsort Berlin, Calvin Genfer Psalter / Track  04 Jakob van Eyck, Psalm 1 für Flöte solo

Geboren wird Calvin in der nordfranzösischen Stadt Noyon. Eigentlich heißt er Jean Cauvin. Als er seine akademische Ausbildung beginnt, wählt er gemäß der damaligen Mode als lateinische Form seines Namens Calvinus. Sein Vater ist hochrangiger Jurist beim Bischof von Noyon. Wiederum den Gepflogenheiten damaliger Zeit entsprechend, verschafft der Vater seinem zwölfjährigen Sohn eine formelle Anstellung als Kaplan, wodurch dessen Schulausbildung und Studium finanziell abgesichert ist. Calvin erweist sich als eifriger und hochbegabter Schüler, wobei er sich mit seiner Strebsamkeit nicht nur Freunde macht. Die Wahl des Studienfaches – auch das damals nicht unüblich – bestimmt der Vater. Calvin berichtet rückblickend:

Sprecher: „Schon seit meiner Kindheit hatte mein Vater mich für die Theologie bestimmt; doch als er dann später erwog, dass die Rechtswissenschaft für gewöhnlich diejenigen bereichert, die sich mit ihr befassen, ließ ihn diese Hoffnung seine Meinung ändern. Das war der Grund, warum man mich dem Studium der Theologie entzog und ich die Rechte studieren sollte. Doch obwohl ich mich aus Gehorsam gegen meinen Vater bemühte, seien Wünsche treu zu erfüllen, ließ mich Gott durch seine geheime Vorsehung meine Schritte in eine andere Richtung lenken.“

Autor: Vielleicht lag ein Grund für des Vaters Sinneswandel darin, dass er sich mit seinem Domkapitel wegen einer unklaren Abrechnungsfrage überwirft, was schließlich sogar zur seinem Ausschluss aus der Kirche führt. Später verweigert man dem Sterbenden den Beistand eines Priesters. Im Streit darüber wird auch Charles, ein älterer Bruder Calvins und selber Priester, exkommuniziert. Es mag sein, dass die im Umgang mit seinem Vater unversöhnliche Haltung der Kirchenoberen zu Calvins Kritik an seiner Kirche beigetragen hat.

Zunächst aber studiert Calvin Jura und erlangt dabei den Doktortitel. Nach dem Tod des Vaters wechselt Calvin zur Philosophie. Er fühlt sich vom Humanismus angezogen, welche die Gedankenwelt der griechischen und römischen Antike als Grundlage zeitgenössischer Bildung betrachtet. Calvin schätzt die antiken Autoren sein Leben lang, versteht er sie doch als Ausdruck von Gottes universalem Geist:

Sprecher: „So oft wir heidnische Schriftsteller lesen, leuchtet uns aus ihnen wunderbar das Licht der Wahrheit entgegen.“

Autor: Das ist eine Einsicht, die auch für den heutigen Dialog der Religionen bedeutsam sein kann. Die Humanisten halten die alten Sprachen lebendig und studieren die Bibel in ihren Ursprachen hebräisch und griechisch. Dabei stoßen auf Widersprüche zur kirchlichen Tradition. Die Humanisten sind somit Vorläufer der Reformation, und sie bereiten auch bei Calvin den Boden für eine Aufnahme reformatorischer Gedanken. Im Geiste solchen bibelhumanistischen Reformkatholizismus’ schreibt Calvin 1533 als Ghostwriter eine Rede für Nicolas Cop, den Rektor der Universität Paris. Die Reformgegner sind aufgebracht, sehen sich und die Kirche angegriffen. Um die beiden Kirchenkritiker mundtot zu machen, erwirken sie einen Haftbefehl. Um dem zu entgehen, fliehen Cop und Calvin.

Calvin hatte sich schrittweise reformhumanistisches und reformatorisches Gedankengut angeeignet, ohne sich damit in einem grundsätzlichen Gegensatz zu seiner Kirche zu sehen. Ab jetzt aber gilt er offiziell als Häretiker, als Abweichler und Irrlehrer. Ab jetzt lebt er für den Rest seines Lebens im Exil. Ab jetzt wird er zum theologischen Reformator und zum praktischen Kirchenreformer.

Musik: Estans assis aux rives aquatique de Babylon
CD Vocalconsort Berlin, Calvin Genfer Psalter / Track  18  Psalm 137 für fünfstimmigen Chor

Autor: Erster ausländischer Fluchtort Calvins ist 1535 Basel. Hier lebt er anfangs als Privatgelehrter, studiert Bibel und reformatorisches Schrifttum. Hier verfasst er in Latein die Urfassung seines bedeutendsten theologischen Werkes, das er in neuen Auflagen ständig überarbeiten und erweitern wird. Er nennt es „Christianae Religionis Institutio“, also „Grundsätze der oder Unterricht in der christlichen Religion“. Es ist ein Buch evangelischer Freiheit. Es verwirft knechtende kirchliche Machtansprüche, weil das an Gott gebundene Gewissen zu innerer Freiheit verhilft. Diese Freiheit führt zu einer Bindung an die christliche Gemeinde. Und diese Freiheit drängt darauf, den befreiende Willen Gottes in Kirche und Gesellschaft zu leben. Luther fragte: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Calvin fragt: Weil Gott mir gnädig ist, bin ich frei. Wie muss ich darum leben, damit in Kirche und Welt der Wille Gottes zur Richtschnur des Handelns wird? – Calvin würde am liebsten weltabgewandt leben. Er  schreibt über sich selbst:

 Sprecher: „Von Natur aus schüchtern, habe ich Zurückgezogenheit und Ruhe stets geschätzt  und deshalb danach gestrebt, stets im Verborgenen zu leben. Das ist mir aber so wenig vergönnt gewesen, dass aus jedem Versteck gleichsam eine öffentliche Schule wurde.“

Nun, wer erfolgreich Bücher schreibt und predigt, versteckt sich nicht gerade. Und mit dem stillen Gelehrtenleben ist es zu Ende, als der Genfer Reformator Guillaume Farel 1536 Calvin bedrängt, ihm beim Neuaufbau der Genfer Kirche zu helfen. Widerstrebend lässt der Franzose sich darauf ein. Knapp anderthalb Jahre später werden Farel und Calvin nach einem kirchenpolitischen Streit aus der Stadt gewiesen. Daher wirkt Calvin ab 1538 als Pfarrer für die französische Flüchtlingsgemeinde im damals deutschen Straßburg.

Hier entschließt sich Calvin 1540 zur Heirat. Es ist damals üblich, dass Familie oder Bekannte nach einer geeigneten Braut Ausschau halten. So sind es denn bei Calvin Mitreformatoren, die ihm zu einer seinen Ansprüchen genügenden Dame verhelfen. Es ist die Witwe Idelette de Bure, die neben einem geeigneten Charakter – wie es heißt – „auch körperlicher Schönheit nicht ganz entbehrte“. Nach zwei Jahren wird den Eheleuten ein Sohn geboren, der jedoch nur wenige Tage lebt. Von da an ist Idelette krank, sie verstirbt sieben Jahre später. Einem Freund schreibt der Witwer: „Ich bin nur noch ein halber Mensch.“ Calvin heiratet nicht wieder.

In Genf haben sich inzwischen die politischen Machtverhältnisse gewandelt. Die seinerzeit für den Rauswurf der beiden Reformatoren verantwortlichen vier Bürgermeister werden ihrerseits verjagt. Sympathisanten Farels bekommen das Sagen und holen diesen zurück in ihre Stadt. Nach Überwindung erheblicher Widerstände gelingt es Farel, auch Calvin zu einem neuerlichen Wechsel nach Genf zu bewegen. Richtig wohlfühlen wird Calvin sich hier nie. Als Ausländer ist es keineswegs bei allen Genfern beliebt. Erst kurz vor seinem Tod gewährt man ihm die Bürgerrechte.

Für den Rest seines Lebens wirkt Calvin nun von 1541 bis 1563 in Genf. Hier ist er verantwortlich für die Neuorganisation der Kirche. Er legt Wert darauf, dass sich die christliche Kirche eine eigene Ordnung gibt, die unabhängig ist von staatlicher Ordnung. Das zielt auf eine Trennung von Staat und Kirche. Zugleich hat eine dergestalt organisierte und durch Presbyterien und Synoden, also durch Kirchenparlamente gleichsam von unten geführte Kirche nachweislich zur Ausprägung einer demokratischen Kultur auch im staatlichen Bereich beigetragen.

Doch nicht nur die Kirche als Organisation ist reformbedürftig. Ebenso geht Calvin um die Reformation des Lebens der Gläubigen; an Christus sollen sie sich orientieren und ihre Gottesverbundenheit sozialwirksam leben. Wenn ein Christenmensch sich darauf nicht einlassen will, wenn er beharrlich Gottes Gebote nicht einhält, soll er nachdrücklich durch die Gemeinde ermahnt und gegebenenfalls vom Abendmahl ausgeschlossen, also exkommuniziert werden. Calvin will auf diese Weise die Reinheit der reformatorischen Lehre und Kirche nicht durch Unreinheit einzelner unglaubwürdig werden lassen. Gleichwohl erstaunt es, dass er mit der Exkommunikation ein Mittel wählt, unter dem sein Vater gelitten hat, wegen dem sein Bruder als Priester mit seiner Kirche brach und das seine eigene Distanz zu seiner damaligen Kirche mitbegründet hat. Für Calvin sind Glaube und Leben nicht Privatsache, sondern immer öffentlich. Calvins Kirchenzucht will einen – mir unheimlichen – gläsernen Gläubigen. Im reformierten Holland ist es beispielsweise bis heute verpönt, Gardinen vor den Fenstern zu haben, weil man doch nichts zu verbergen hat.

In den katholischen Messen jener Zeit singt die Gemeinde nicht. Calvin dagegen regt die Vertonung von alttestamentlichen Psalmen an. Einige dieser für die reformierten Gemeinden bis heute typischen Gesänge hören Sie in dieser Andacht.

Musik 3: O combien est plaisant et souhaitable
CD Vocalconsort Berlin, Calvin Genfer Psalter / Track  12  Claude Goudimel,  Psalm 133  für vierstimmigen Chor

Autor: Neben Calvins Praxis der Kirchenzucht ist ein weiteres Moment seiner theologischen Lehre besonders umstritten, nämlich die Lehre von der doppelten Prädestination. Danach kann man vor Gott nicht aus eigener Kraft bestehen. Vielmehr hat Gott die einen zur Erlösung und zum Heil erwählt, während andere zur Verdammnis bestimmt sind. Diese Lehre hat in späteren Zeit zu Überheblichkeiten und furchtbaren Missverständnissen geführt, etwa als zu den Zeiten der Apartheid in Südafrika auf diese Weise die Überlegenheit der Weißen auch theologisch begründet wurde. Calvin meinte allerdings genau das Gegenteil. Seine Lehre will nicht die Unterdrücker stärken, sondern die Unterdrückten. Formuliert hat Calvin seine Lehre, um die verfolgten protestantischen Christenmenschen seiner Zeit innerlich zu stärken. Trotz Verfolgung und Flucht, Not und selbst Tod dürfen sie gewiss sein, dass sie auf Gottes Seite stehen und Gott auf ihrer. Die Lehre von der Prädestination ist eine Protestlehre, die Kraft und Würde schenkt. Diese Lehre des Kopfes wirkt vor allem dann überzeugend, wenn sie als Lied des Herzens erklingt. Die unterdrückten schwarzen Sklaven Amerikas sangen in diesem Sinne protestierend und erwählungsgewiss ihr „Oh, when the Saints go marching in“: „Wenn die Heiligen in Gottes Reich einziehen, werde auch ich zu ihnen gehören“.

Musik 4: Oh, when the Saints / Interpretin Mahalia Jackson

Autor: Dass Sie in ähnlicher Weise Ihres Glaubens gewiss sind, das wünsche ich Ihnen,
Ihr Werner Max Ruschke von der Evangelischen Kirche aus Münster.

Musik 4: Oh, when the Saints / Interpretin Mahalia Jackson

Audiobeitrag Johannes Calvin, theologischer Reformator und praktischer Kirchenreformer


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