Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.06.09, Andreas Duderstedt

Bleib wie du bist

„Bleib, wie du bist!“ Das hört man manchmal als guten Wunsch zum Geburtstag oder einfach nur als liebevolle Anerkennung. Ein Kompliment. Bleib, wie du bist:

Damit ist meistens gesagt: Du bist gut so, wie du bist; du bist in Ordnung. Bleib, wie du bist. Du brauchst dich nicht zu verändern. Meistens freut sich derjenige, dem diese Aufforderung gilt. Und auch rückblickend ist es fast immer als Kompliment gemeint, wenn bei einem Wiedersehen gesagt wird: Du hast dich gar nicht verändert!

Aber nicht alle freuen sich darüber. Herr Keuner zum Beispiel reagiert auf das vermeintliche Kompliment ganz überraschend.

Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ „Oh!“ sagte Herr K. und erbleichte.

So erzählt Bertolt Brecht in einem der kleinen Gleichnisse, die als „Geschichten vom Herrn Keuner“ bekannt geworden sind. Herr K. erbleicht. Er erschrickt offenbar. Es beunruhigt ihn, macht ihm womöglich Angst, unverändert geblieben zu sein. Er ist der Alte geblieben, mit seinen guten, aber auch mit all seinen schlechten Eigenschaften. Er hat sich nicht weiterentwickelt. Für Herrn K. ein Grund zur Beunruhigung.

Wie sehen Sie das? Wer sich nicht verändert, bleibt sich treu. Auf den kann man bauen. Er ist prinzipienfest und verlässlich. Einerseits. Vielleicht ist er aber auch starr, schwerfällig und unbeweglich. Ein Betonkopf. Dagegen: Wer flexibel ist, beweglich, lernfähig (möglichst bis ins hohe Alter), dynamisch – der wird Anerkennung ernten. Oder doch nicht? Vielleicht gilt er auch als flatterhaft, als wankelmütig. Einer, der nicht weiß, was er will. Schlimmer noch: ein Wendehals. Ein Opportunist, einer ohne Rückgrat.

Gott ist treu. Die Bibel ist reich an Bildern, die das zum Ausdruck bringen. Meine Zuversicht, meine Burg. Meine Zuflucht. Gottes Güte dauert ewig. Er war schon immer da und wird immer sein.

Aber schließt das nicht auch die negative Seite des Beständigen ein? Das Starre, das Unbewegliche, das Schwerfällige?

Die Kirche jedenfalls bleibt nicht, wie sie ist. Sie verändert sich ständig und muss sich ständig verändern. Ihre Formen und Strukturen sind nicht heilig, nicht unantastbar, sie sind kein Selbstzweck. Sondern sie dienen in verschiedenen Zeiten auf unterschiedliche Weise dem Auftrag, den Gott seiner Kirche gegeben hat: Seine Botschaft weiterzusagen. Und die ist immer wieder überraschend. Gott liebt seine Menschen so sehr, das er einer von ihnen wird. Gott geht erstaunliche, unvorhergesehene Wege. Er ist in seiner Zuwendung zu uns verlässlich und beständig. Gerade deshalb können wir immer wieder neu beginnen. Wir können uns irren und verirren, Fehler machen und falsch liegen. Weil Gott treu ist, begegnet er uns flexibel. Weil Gott bleibt, wie er ist, gibt er uns die Kraft zur Veränderung. Das ist sein großes Geschenk an uns, immer wieder neu. Wir müssen es nur annehmen.

Audiobeitrag Bleib wie du bist


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