Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.06.09, Andreas Duderstedt

"All Morgen ist ganz frisch und neu" (eg 440)

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Ein neuer Morgen, ein neuer Tag hat begonnen. Ein neuer Sommer beginnt – nach dem Kalender – morgen.

Begrüßen wir das Neue mit einem Lied. Auch mit einem alten.

Choral: All Morgen ist ganz frisch und neu / Des Herren Gnad und große Treu; / Sie hat kein End den langen Tag, / drauf jeder sich verlassen mag. (Strophe 1)

Autor: Frisch und neu. Aber was ist eigentlich neu? Das neue Auto, das neue Kleid, die neue Frisur. Jetzt wird ein neues Kapitel aufgeschlagen. Neuland betreten. Die neue Liebe. Ein neues Leben. Irgendwann, manchmal sehr schnell, wird alles Neue alt. Das frische Brötchen bleibt nur ein paar Stunden frisch. Die neue Mode von heute ist morgen von gestern. Der neue Computer ist schon veraltet, wenn er im Laden steht. Und oft genug kommt das Alte im neuen Gewand daher.

Sprecherin:  All Morgen ist ganz frisch und neu / Des Herren Gnad und große Treu; / Sie hat kein End den langen Tag, / drauf jeder sich verlassen mag.

Autor: Frisch und neu sind in dem Choral von Johannes Zwick Gottes Gnade und Treue. Sie sind jeden Augenblick frisch und neu. Jeden Augenblick, immer, kann ich das Alte hinter mir lassen, kann ich das Belastende, das Schlimme Gott übergeben. Er nimmt es weg. Immer wieder von neuem.

Sprecherin: Gottes Erbarmen hat sich nicht erschöpft. An jedem Morgen ist es neu. (Klagelieder 3,22f)

Autor: Die Bibel weiß: Gottes Gnade, sein Erbarmen, sein Verzeihen – das ist kein Geduldsfaden, der irgendwann reißt. Kein begrenzter Vorrat, der irgendwann zur Neige geht. Gottes Erbarmen erschöpft sich nicht. Aber verleitet das nicht dazu, munter drauf los zu leben, ohne Rücksicht auf Verluste? Das zu tun, was einem gefällt, wozu man Lust hat, egoistisch und verantwortungslos? Wenn Gottes Gnade grenzenlos ist – dann ist es doch egal, ob ich Unrecht tue. Genau diese Gefahr hat auch Johannes Zwick gesehen, seines Zeichens Rechtsgelehrter und Pfarrer. Und davor warnt er in einigen Strophen seines Liedes, die nicht im Evangelischen Gesangbuch stehen:

Sprecherin: Doch sag du nicht: Ei, das ist gut, / so will ich haben Freud und Mut / und heut tun, was gelüstet mich, / weil Gott so gut und gnadenreich. / Denn dies wär ein verkehrter Sinn, / der billig gstraft mit großem Grimm, / wolltst übel tun auf Gottes Güt, / sein Geist dich allweg davor b’hüt.

Autor: Aber woran soll ich mich orientieren? Was gibt meinem Leben Richtung und Ziel? Schau nach oben, sagt der Dichter. Du musst zwar nicht nach den Sternen greifen, aber die Schöpfung, der Kosmos mit all seinen Sternen, leuchtet als Vorbild der Ordnung, die uns Menschen leitet:

Sprecherin: Drum steht der Himmel Lichter voll, / dass man zum Leben sehen soll, / dass es mög schön und g’ordnet sein, / zu ehren Gott, den Schöpfer dein.

Autor: Auch wenn der Himmel voller Lichter steht, vergiss nicht den Blick nach unten. „Sieh nach den Sternen, gib acht auf die Gassen“, sagt der Theologe Jörg Zink. Die Augen eines jeden Menschen, ein Abglanz der Sterne am Himmel, ermöglichen den Blick für das, was auf dieser Welt zu tun ist, und lenken gleichzeitig die Sicht auf Gott und seine Liebe:

Sprecherin: So hat der Leib der Augen Gsicht, / dass er dadurch viel Guts ausricht / und seh auf Gott in allem Tun / und merk, wie er’s so gnädig mein.

Autor: Johannes Zwick hat das Morgenlied wahrscheinlich kurz vor seinem Tod 1542 verfasst, mit diesen Strophen, die den rechten Weg weisen für menschliches Handeln im Licht von Gottes Gnade. Diese Gnade, so lehrt der Autor, dürfen wir dankbar annehmen, aber nicht missbrauchen. Der ursprüngliche Text erschien 1545 mit acht Strophen, tauchte dann aber lange in keinem Gesangbuch mehr auf. Erst Jahrhunderte später wurde das Lied wieder ausgegraben: Die vierstrophige Fassung, die im heutigen Evangelischen Gesangbuch steht, geht zurück auf eine Sammlung von Morgenliedern von 1927. Auch die heute übliche Melodie wurde ihm damals zugeordnet. Sie stammt von einem Zeitgenossen des Dichters. Johann Walter hatte sie ursprünglich für Luthers Weihnachtslied „Vom Himmel hoch“ komponiert, doch sie geriet bald in Vergessenheit. Die Verbindung eines vergessenen Textes mit einer vergessenen Melodie nach fast 400 Jahren erwies sich als Glücksgriff.

Choral: O Gott, du schöner Morgenstern, / gib uns, was wir von dir begehrn: / Zünd deine Lichter in uns an, / Lass uns an Gnad kein Mangel han. (Strophe 2)

Autor: Johannes Zwick hat die Reformation in seiner Heimatstadt Konstanz vorangetrieben. Im Gesang Gott zu loben und die Menschen zu erbauen wie auch zu belehren – das war ihm ein Herzensanliegen. Nicht alle seine evangelischen Mitstreiter teilten es. Besonders in der Schweiz hielten einflussreiche Theologen das Singen der christlichen Gemeinde für überflüssig, ja für schädlich. Denn es sei kein biblisch begründetes Gebot und würde nur vom Eigentlichen, vom Wort Gottes, ablenken. Aber Zwick war anderer Meinung. Er gab ein Gesangbuch heraus, das „Nüw gsangbüchle von vil schönen Psalmen und geistlichen Liedern“, das den deutschsprachigen evangelischen Kirchengesang maßgeblich prägen sollte. Im Vorwort dazu widerlegt er klar, präzise und systematisch alle Einwände gegen das Singen der Gemeinde. Zum Beispiel mit Argumenten wie diesem:

Sprecherin: Und sollte Vogelgesang Gottes Lob sein mögen, und nicht der Christen Gesang?

Choral:  Treib aus, o Licht, all Finsternis, / behüt uns, Herr, vor Ärgernis, / vor Blindheit und vor aller Schand / und reich uns Tag und Nacht dein Hand, (Strophe 3)

Autor: Das Morgengebet des Johannes Zwick singt Gottes Lob – in Staunen und Dankbarkeit. Und in tiefem Vertrauen darauf, dass Christus als das Licht der Welt alle Finsternis austreiben wird. Das Alte, das Böse und Dunkle, das Falsche und das Ekelhafte können wir befreit hinter uns lassen. Es wird zwar wiederkommen, wieder und wieder. Aber Gottes Gnade reicht weiter. Sie ist so frisch wie der Morgen. Nichts und niemand, keine Macht in Gegenwart und Zukunft, kann uns davon trennen. (Römer 8,38-39) Das ist das unerschöpflich Neue, das alle scheinbaren Neuheiten alt aussehen lässt.

Choral: All Morgen ist ganz frisch und neu / Des Herren Gnad und große Treu; / Sie hat kein End den langen Tag, / drauf jeder sich verlassen mag.
O Gott, du schöner Morgenstern, / gib uns, was wir von dir begehrn: / Zünd deine Lichter in uns an, / Lass uns an Gnad kein Mangel han.

Treib aus, o Licht, all Finsternis, / behüt uns, Herr, vor Ärgernis, / vor Blindheit und vor aller Schand / und reich uns Tag und Nacht dein Hand,
zu wandeln als am lichten Tag, / damit, was immer sich zutrag, / wir stehn im Glauben bis ans End / und bleiben von dir ungetrennt. (Strophen 1 - 4)

Es sang das Wilhelmshavener Vokalensemble unter der Leitung von Ralf Popken.

 

Audiobeitrag "All Morgen ist ganz frisch und neu" (eg 440)


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