Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.06.09, Andreas Duderstedt

Bildbearbeitung

„Kopf drehen – Schulterlinie korrigieren – Schlüsselbein anders platzieren – rechten Busen heben – Arm ansetzen.“

Das sind keine Vorgaben für eine Schönheitsoperation und auch keine Anweisungen für eine Änderungswerkstatt für Schaufensterpuppen. Es sind die Wünsche an einen Bildbearbeiter, der ein Modemagazin zum Druck vorbereitet. Der Kunde, also der Redakteur der Modezeitschrift, gibt vor, wie ein Foto verändert werden soll, damit es genau seinen Vorstellungen entspricht. In diesem Fall handelt es sich um das Bild einer schönen jungen Frau, die den Betrachter mit strahlendem Lächeln anblickt.

Und doch war der Bildredakteur nicht zufrieden. Den Kopf muss sie noch ein wenig nach rechts drehen. Die eine Schulter ist etwas zu hoch. Das Schlüsselbein soll sich deutlicher abzeichnen. Die rechte Brust ist eine Spur tiefer als die linke. Und der Arm muss ausgetauscht werden.

Nun weiß der Spezialist am Computer, was er zu tun hat. Moderne elektronische Bildbearbeitung macht fast alles möglich. Blaue statt braune Augen? Lippen in einem anderen Farbton? Kein Problem. Auch der Austausch ganzer Körperteile wie Hände, Arme, Füße und Beine ist am Bildschirm des Computers gängige Praxis. Für solche Fälle hält der Bildbearbeiter sogenannte Body Models bereit, als elektronische Ersatzteillager, die über die jeweils gewünschten Idealmaße verfügen. Das geht alles viel schneller und ist damit billiger als neue Fotos von wirklichen Menschen.

Das Endprodukt hat oft nicht mehr viel mit dem ursprünglich aufgenommenen Motiv zu tun. In Modeprospekten oder Lifestyle-Magazinen sind die attraktiven Menschen auf den Bildern oft nur noch zusammengesetzte Kunstprodukte.

Wovon manche träumen: durch gentechnische Eingriffe perfekte Menschen zu erzeugen – in der digitalen Welt der Bildbearbeitung geschieht es längst. Was dem Schöpfer nicht so richtig gelungen ist – wir korrigieren es. Nase zu groß, Hüften zu breit, Schenkel zu dick, Brüste zu schlaff? Kein Problem.

Auch die plastische Chirurgie macht fast alles möglich. Eine Wachstumsbranche. Manche Jugendlichen wünschen sich einen solchen Eingriff zur Konfirmation und wollen so dem Ziel, „Germany’s next Topmodel“ zu werden, ein Stück näherkommen.

Veränderungen auf dem Bildschirm und auf dem Papier tun niemandem weh. Aber hinter dem Wunsch, sich durch Operationen schöner machen zu lassen, vollkommen zu werden – steckt dahinter vielleicht etwas, was am Ende weh tun könnte: der Glaube, seinen Wert als Mensch steigern zu können? Das kann ich nicht. Und ich muss es auch nicht. Denn mein Wert hängt nicht an meiner Perfektion. Ich habe etwas, was mir niemand nehmen kann: Gott hat mich wenig niedriger gesetzt als sich selbst, weiß der Beter des 8. Psalms: Mit Ehre und Herrlichkeit hat er mich gekrönt. Das ist eine andere, höhere Vollkommenheit als alle modischen Idealmaße. Auch wer krumme Beine oder eine schiefe Nase hat, auch wer körperlich oder geistig behindert ist: In Gottes Augen bleibt er ein wertvoller Mensch.

In dieser Gewissheit wünsche ich Ihnen einen schönen Tag.

Audiobeitrag Bildbearbeitung


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen