Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.06.09, Pastorin Ruthild Busch

Liebesbrief

Er saß neben mir in der Wartezone der Reha-Klinik. Ein älterer Herr – Ende Sechzig.Wir kommen ins Gespräch. Tauschen uns über unsere Krankheiten und Therapieverfahren aus.

Er redet wie ein Wasserfall. Erzählt mir en detail von seinem Schlaganfall, der sein Leben – so wie er sich selbst ausdrückt – schlagartig veränderte.

„Ich bin nicht mehr derselbe, der ich einmal war.“
Ich nicke. Dieses Gefühl kenne ich.
„Wissen Sie, was mir am meisten zu schaffen macht?“
„Was?“, frage ich.
„Das ich nicht mehr Lesen und Schrieben kann. Ich muss wieder ganz von vorne anfangen – wie ein Erstklässler.“
„Das tut weh“, sage ich.
„Ja, das ist verdammt hart.“
Und dann blickt er mich an und sagt:“Das bleibt jetzt unter uns. Aber ich habe mit dem lieben Gott nen kleinen Deal gemacht.“
„Einen Deal?“
„Ja, ich hab' ihm versprochen, wenn ich einigermaßen heil aus der ganzen Geschichte raus komme – also wenn ich wieder einigermaßen Lesen und Schreiben kann, dann werde ich meiner Frau einen Liebesbrief schreiben. Einen, der wirklich von Herzen kommt. Er wird nicht lang sein – nicht so wie die früheren, wo ich mich als Held und Alleskönner präsentierte. Nein – er wird kurz sein.
Ich werde schreiben:
Liebe Marianne,
danke für alles.
Ich liebe Dich.
Dein Manni

Damit ist alles gesagt.

Danke für alles – ich glaube, ich habe mich noch nie bei dieser Frau bedanke, mit der ich seit vierzig Jahren verheiratet bin. Alles habe ich für selbstverständlich gehalten. Das sie bei mir geblieben ist, trotz meiner unzähligen Affären. Das sie zu mir gehalten hat, als ich arbeitslos wurde und das sie mich auch jetzt noch in meiner Krankheit unterstützt und begleitet. Das alles ist nicht selbstverständlich. Das ist mir seit dem Schlaganfall bewusst geworden. Darum möchte ich ihr etwas zurückgeben. Ich liebe Dich werde ich schreiben und diesmal ist es ernst gemeint. Ich möchte für diese Frau da sein. Ich glaube, ich musste so tief fallen, um zu kapieren, worauf es wirklich im Leben ankommt. Ja, ich muss das Leben neu buchstabieren lernen.“

Er hält inne – dann schaut er mich an und fragt:“Sagen Sie mal – wie finden Sie eigentlich die Idee mit dem Liebesbrief?“ „Ich beneide Ihre Frau“, sage ich. „Ganz ehrlich, das tue ich.“ 

Audiobeitrag Liebesbrief


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