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Wir haben Jesus
Liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Gemeinde,wir brauchen keine Botschaften aus dem Jenseits, um Orientierung für unser Leben zu bekommen. Wir haben die Bibel.
Dort ist alles gesagt, was wir heute für ein gelingendes Leben brauchen. Das genügt, um zu wissen, was im Leben wirklich zählt. So sagt es uns der heutige Predigttext in der Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus, die wir bereits am Anfang des Gottesdienstes, zusammen mit den Kindern, gehört haben.
Sprecher: Da bat der reiche Mann: 'Vater Abraham, dann schick Lazarus (doch wenigstens) in mein Elternhaus! Ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit sie nicht auch an diesen schrecklichen Ort kommen!' Doch Abraham sagte: 'Deine Brüder haben das Gesetz Moses und die Weisungen der Propheten. Sie brauchen nur darauf zu hören.' Der Reiche erwiderte: 'Vater Abraham, das genügt nicht! Aber wenn einer von den Toten zu ihnen käme, dann würden sie ihr Leben ändern. Abraham sagte: 'Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, dann lassen sie sich auch nicht überzeugen, wenn jemand vom Tod aufersteht.'« (Gute Nachricht)
Die Botschaft ist eindeutig und unmissverständlich: Hinweise aus dem Jenseits haben wir nicht nötig, um Orientierung für unser Leben zu bekommen. Erst ganz langsam beginnt der Reiche diese Wahrheit zu erahnen. Es geht nicht darum, noch mehr zu wissen. Es ist alles gesagt. Jetzt kommt es auf das Tun an.
Ist alles gesagt? Reicht es? Ich gebe zu - auch ich hätte es oft gerne genauer. Den Mitmenschen, auch wenn er unansehnlich und unausstehlich ist, lieben - ja. Aber wie sieht das konkret aus? Teilen ja, aber komme ich dabei nicht zu kurz? Entscheidungen treffen für mein Leben, aber welche ist die Richtige? Es gibt so viele Möglichkeiten.
Abraham antwortet knapp: Ihr habt Mose und die Weisungen der Propheten. Es ist nichts Weiteres mehr nötig als sie zu hören und danach zu handeln.
Dem Reichen wird dies erst bewusst, als er sich auf der anderen Seite des trennenden Grabens wieder findet und selber Mangel leidet. Erst als er sich nach nichts mehr sehnt, als ein paar wenigen Tropfen Wassers um seinen Mund zu kühlen. Erst jetzt wagt er den Blick hinüber auf die andere Seite. Erst jetzt wird ihm wird bewusst, wie notwendig es ist, solche Gräben zu überwinden. Gräben zwischen arm und reich. Gräben zwischen Menschen, denen es gut geht und anderen, denen es schlecht geht.
Die Gräben zwischen dem, was ich schön finde und dem, was ich hässlich und abstoßend finde. Das was mir vertraut ist liegt auf der einen Seite, das, was mir fremd ist auf der anderen. Es gilt, den Blick zu wagen und die Kluft zu überwinden Die Geschichte will uns die Augen und das Herz öffnen. Öffnen für das, was vor unserer Haustür liegt, aber doch so weit weg erscheint, dass es uns schnell aus dem Blick gerät. Deshalb erzählt sie von zwei Menschen, die zwar räumlich sehr nah beieinander sind, jedoch zugleich auch unglaublich weit voneinander entfernt.
Die Geschichte beschreibt zwei Wirklichkeiten. Da ist auf der einen Seite der Reiche, der wie Gott in Frankreich lebt. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt nur sich, seinem Besitz, seinem Luxus. Kurz: dem Materiellen. Den armen Lazarus, der vor seiner Tür liegt, würdigt er keines Blickes. Er merkt er nicht, dass Besitz nur einen Teil des Lebens ausmacht, das es noch ein Mehr gibt. Nicht einmal Namen hat er. Er wird einfach nur Der Reiche genannt. Der Reiche ist austauschbar, jeder ist gefährdet so zu leben.
Und dann auf der anderen Seite der arme Lazarus, der vor die Hunde geht. Vor der Haustür des Reichen wartet er darauf, dass etwas für ihn abfällt. Er wartet darauf, dass ihn jemand sieht, dass er wahrgenommen wird. An ihm wird deutlich, wie lebensnotwendig das für uns als Menschen ist. Dass wir wahrgenommen werden in unserer Not. Wahrgenommen aber auch in unseren Freuden. Einfach wahrgenommen, so wie wir eben sind. Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen: Jeder sehnt sich danach, beachtet zu werden, Zuwendung zu bekommen. Egal in welcher Lebenslage. Egal wie viel oder wenig Besitz.
Anders als der Reiche hat der Arme einen Namen. Er heißt Lazarus. Das bedeutet: Gott hilft. Gott ist ein Gott, der uns Menschen freundlich ansieht, der uns wahrnimmt und sich uns zuwendet. Wir dürfen unsere Mitmenschen ebenso sehen und uns ihnen zuwenden. Die Erzählung ist drastisch! Den Reichen und den Armen trennt ein Graben. Sowohl zu Lebzeiten als auch nach dem Tod. Der eine sitzt nach dem Tod geborgen in Abrahams Schoß und der anderen leidet Höllenqualen. So drastisch die Schilderung auch sein mag, sie möchte Mut machen. Mut machen, nicht Angst. Angst ist kein guter Ratgeber. Sie will nicht uns oder anderen die Hölle heiß machen.
Jesus weist uns darauf hin, es noch ein Mehr gibt, worauf es im Leben ankommt. Mehr, als großen Besitz. Mehr für das es sich zu leben lohnt. Und es gibt eine Verantwortung für den, der vor unserer Haustür liegt. In diesem Sinne lädt sie uns ein zu einem Blick in eine andere Wirklichkeit. Will uns die Augen öffnen und das Herz.
Musikstück
Die Erzählung vom Reichen und dem armen Lazarus will uns die Augen öffnen, die Augen und das Herz. Offensichtlich ist das gerade für unseren Umgang mit Besitz immer wieder nötig. Besitz wird in dieser Geschichte nicht verurteilt. Er ist an sich nichts Schlechtes. Aber es gibt Gefahren, die mit dem Besitz einher gehen. Besitz kann uns und unser Leben bestimmen.
Die einen haben große Angst, dass ihnen das Geld zum Leben für die Sicherung ihre Existenz nicht reicht. In Zeiten der Wirtschaftskrise und der Angst um den so sicher geglaubten oder bereits verlorenen Arbeitsplatz stellen sich große Sorgen ein, die auswühlen und schlaflose Nächte bereiten.
Die anderen haben viel oder genügend Besitz. Darin liegt eine große Gefährdung. Besitz kann blind machen, blind machen für das richtige Maß und blind machen für den Nächsten. Wir merken das, wenn wir den Kopf über die großen Bankenbosse schütteln. Aber die Gefährdung ist menschlich, kann jeden von uns erreichen.
Ein jüdischer Weiser wurde einmal gefragt: "Warum ist es so, dass ein Armer eher freundlich ist und hilft, wenn er kann? Ein Reicher sieht einen nicht einmal an. Was ist das nur mit dem Geld? Da antwortete ihm der Weise: "Tritt ans Fenster! Was siehst du?" Er antwortet: "Nun, ich sehe eine Frau mit einem Kind an der Hand. Ich sehe einen Wagen. Er fährt zum Markt. Ich sehe viele Leute unterwegs." Da forderte der Weise auf: "Gut, tritt hier zum Spiegel. Was siehst du?" - "Mich, sonst nichts." antwortete der Fragende. Darauf der Weise: "Siehst du, das Fenster ist aus Glas gemacht wie der Spiegel auch. Aber kaum legt man ein bisschen Silber hinter die Oberfläche, schon siehst du nur dich selbst."
Es geht darum, nicht nur auf sich zu sehen, sondern den Blick und das Herz dem anderen zuwenden, Gräben zu überwinden. Gräben sind nicht unüberwindbar, sondern überwindbar. Jesus ruft zum Leben im hier und heute auf, zu einem Leben, in dem der Lazarus vor der Tür nicht übersehen wird, zu einem Leben, das andere auch leben lässt, ihnen hilft und gerecht wird und ihnen die Würde zukommen lässt, die jeder Mensch vor Gott hat.
Was hindert uns daran, das, was wir wissen auch zutun? Wer hinsieht, wer Gräben überwindet, wer handelt, kommt mit einer Welt in Berührung, die ihm fremd ist. Einer Welt, die möglicherweise auch die weniger schönen Seiten des Lebens in den Blick rückt. Der Reiche wäre mit Geschwüren des Lazarus in Berührung gekommen. Das stinkt ihm im wahrsten Sinne des Wortes. Er wäre mit dem ganzen Elend mit der ganzen Not in Berührung gekommen. Da kostet es Mut hinzusehen. Es ist einfacher, den Bettler an der Straßenecke zu übersehen, als ihn anzusehen. Es ist leichter nur den materiellen Reichtum einer Person wahrzunehmen als seine innere Armut. Es ist leichter, die vielen Menschen auf der Erde ohne Brot weit weg zu wähnen, als sie wahrzunehmen. Es ist leichter, die innere Not des Nachbarn oder auch die Eigene zu übersehen, als ihr ins Gesicht zu sehen. Handeln kostet Mut.
Es kostet mich etwas hinzusehen, mich zuzuwenden, etwas von mir zu geben. Es kostet Mut, vielleicht auch Zeit oder Geld. Und es mag sein, dass ich keinen Gewinn für mich entdecken kann, wenn ich mich einem anderen zuwende. Wer sein Auto verleiht, verzichtet darauf, es selber zu benutzen. Wer sein Geld teilt, hat weniger Geld. Wer sich Zeit für die Not nimmt, die vor seiner Haustür liegt, hat weniger Zeit seinem Hobby nachzugehen oder einfach mal nichts zu tun. Es mag aber auch sein, dass ich einen Mehrwert für mich entdecke. Dass ich merke, wie gut es mir tut, den Graben zu überwinden Eine andere Qualität im Leben entdecke.
Es lohnt sich, sich auf den Weg zu machen. Was uns dabei leitet, was uns dabei hilft ist die Liebe. Liebe ist das Motiv unseres Handelns. Wir orientieren uns an den Geboten, lassen uns aber von der Liebe leiten. Das Motto lautet nicht: Du musst dies und das! Gesetzlichkeit überwindet keine Grenzen. Abraham, der Inbegriff des Gerechten kann den Graben zu dem Reichen nicht überschreiten. Er sitzt mit Lazarus auf der einen Seite. Der reiche Mann auf der anderen. Abraham ist es auch nicht möglich, Lazarus auf die andere Seite des Grabens zu schicken, um dem Reichen die Lippen mit Wasser zu benetzen.
Gesetzlichkeit kann keine Grenzen überwinden. Aber die Liebe kann. Jesus Christus kann. Jesus Christus hat mit seinem Leben gezeigt, wie Liebe gelebt werden kann. Er hatte einen Blick für die Armen, Kranken, Leidenden. Er stellte sich auf ihre Seite und half. Er hat den Graben zwischen Leben und Tod überwunden. Er ist von den Toten auferstanden. Ob uns das überzeugt? Ob uns die Liebe Gottes überzeugt? Gott wird zum Menschen, er wendet sich uns zu, macht sich zu uns Menschen auf weil er uns liebt. Damit ist alles gegeben.
Wir brauchen keine Botschaften aus dem Jenseits, um Orientierung für unser Leben zu bekommen. Wir haben das Gesetz und die Propheten. Und wir haben Jesus. Sein Handeln und Reden sind Vorbild und Orientierung. Er schenkt uns seinen heiligen Geist. Der ist Kraftquelle für den Sprung vom Erkennen zum Tun. Er ist Inspiration, für den Blick in die richtige Richtung, die ganz konkrete Entscheidung. Was in der Bibel steht genügt, um zu wissen, was im Leben wirklich zählt. Amen
Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 09.08.2009 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Luther Kirche in Remscheid übertragen. Die Predigt hält Pfarrer Ulrich Wester.

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